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Die Geschichte des Zahnersatzes – wie alles begann

Zahnprobleme gibt es schon, seit der Mensch Zähne hat. Zahnschmerzen demzufolge auch, und die gehören – wie alle wissen, die sie schon mal hatten – zu den schlimmsten überhaupt. Schon vor 14.000 Jahren hat man versucht, Karies aus Zähnen zu entfernen und die Löcher zu stopfen. Natürlich nicht auf einem bequemen Stuhl in einem sauberen, desinfizierten Behandlungszimmer, und auch die Betäubungsmittel waren eher von der Art, die heute die Polizei auf den Plan rufen würde. Früher war nicht alles besser, und die Zahnheilkunde von damals ist voller abenteuerlicher Geschichten – Mord und zahntechnische Folterszenen inklusive. Begleiten Sie uns auf einem Streifzug durch die Zahnmedizin von damals bis heute. 

Der goldene Zahn der alten Zeit

Lange bevor die Rede von Geschiebeprothesen oder Zirkonkronen war, entwickelten die alten Etrusker (8.–1. Jahrhundert v. Chr.) eine wahre Meisterschaft, was den Ersatz von fehlenden Zähnen betraf. In ihren Gräbern fand man Zahnersatz, der nicht nur zur ästhetischen Wiederherstellung unvollständiger Zahnleisten gedacht war, sondern auch zum Kauen taugte. Die neuen Mitspieler im Gebiss waren menschlicher oder tierischer Herkunft. Drähte oder breite Streifen aus Gold verbanden einen oder auch mehrere Zähne und wurden als Brücke im Gebiss verankert. Den nötigen Halt gaben wie heute die eigenen, echten Zähne. Die handwerkliche Kunst der antiken Zahntechniker war durchdacht: Die güldenen Bänder saßen so hoch auf den Zähnen, dass sie das Zahnfleisch nicht reizten oder Druckstellen verursachten. Mit dem Untergang der etruskischen Kultur ging leider auch das Wissen um die frühe Zahnprothetik verloren. Vergleichbare handwerkliche Ergebnisse wurden erst wieder im 19. Jahrhundert erzielt.  

Abergläubische Zahnheilmethoden im Altertum

Wenn Sie die schmerzstillende Spritze beim Zahnarzt für eine Tortur halten oder den Bohrer fürchten, dann könnten Sie es ja mal alternativ mit einigen sehr alten Hausmitteln gegen Zahnweh versuchen. Plinius der Ältere (23–79 v. Chr.) überlieferte interessante Methoden, an die seine Zeitgenossen damals aber-glaubten. Demnach konnte ein auf die Kinnbacken aufgelegter Frosch lockere Zähne wieder festigen. Entzündetes Zahnfleisch sollte heilen, wenn es mit dem Zahn eines Mannes bestrichen wird, der eines gewaltsamen Todes gestorben war. Zahnschmerzen wurden angeblich gelindert, wenn man in die Ohren Tropfen von in Öl gekochten Regenwürmern träufelte. Gegen Zahnfäule half vermeintlich ein Mundwasser aus in Wein gekochten Hundezähnen. Na, bekommen Sie schon lange Zähne? 

Wie Zahn- und Mundhygiene richtig geht, erfahren Sie hier:

Das Mittelalter – finstere Zeiten für Zahnprobleme

Über mehrere Jahrhunderte wurden Problemzähne nur noch kompromisslos gezogen, das Zähneputzen war noch nicht erfunden. Prothesen oder Zahnersatz gab es äußerst selten. Man machte allgemein den "Zahnwurm" für die Löcher in den Zähnen verantwortlich. Von Zahnbehandlungen war nicht die Rede, "Zahnreißer" oder "Zahnbrecher" entfernten recht brutal kaputte Zähne aus dem Mund. Ihre Patienten wurden mit Seilen oder von starken Helfern fixiert und allenfalls mit Schnaps betäubt. Blutungen stillte man mit glühenden Brenneisen. Meistens fielen die Patienten bei dieser Tortur von selbst in eine barmherzige Ohnmacht.  

Möglichst kurz und schmerzvoll

Bis um das Jahr 1800 versuchten sich Bader und Barbiere – neben dem Haareschneiden und Schröpfen – in der hohen Kunst des Zähneausreißens. Denn wenn die Backe anschwoll und der Zahn pochte, gab es keine andere Medizin, um dem Schmerz dauerhaft Einhalt zu gebieten. In ländlichen Gebieten wurde diese Aufgabe auch schon mal von Apothekern, Drogisten, Schmieden und Schuhmachern übernommen. Reisende Operateure priesen auf Märkten mit Trommel und Trompete ihre Fähigkeiten an. Zur Extraktion stark kariöser Backenzähne verwendeten die Zahnreißer den "Pelikan", eine Zange mit einem schnabelähnlichen Aussehen, die nur in geschickten Händen schnell und erfolgreich das corpus delicti aus dem Zahnfach hebelte. Bei der Verwendung des interessanten Geräts gerieten gelegentlich auch gesunde Zähne in den Bereich der Zange und wurden gleich mit entfernt. Der Patient saß oder lag bei derlei Eingriffen übrigens auf dem Boden, während der "Operator" den Kopf seines Opfers von hinten zwischen seinen Knien festklemmte. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden Patienten während der Behandlung in höhere Gefilde positioniert. Nicht ganz unbeteiligt daran war der französische Arzt Pierre Fauchard, der seinen Patienten ein bequemes Sofa anstatt der unschicklichen Bodenlage anbot.  

Prothesen befestigen – aber wie?

Der oben bereits erwähnte Monsieur Fauchard gründete seine Pariser Praxis im Jahre 1719 – zu einer Zeit, in der Zähne noch überwiegend von Barbieren gezogen wurden –, und ging als erster Zahnarzt im moderneren Sinne in die Geschichte ein. Er erfand die Bezeichnung "Chirurgien Dentiste" (in Deutschland war "Dentist" noch bis 1952 die offizielle Berufsbezeichnung für Zahnheilkundige ohne akademische Ausbildung). Außerdem riet er dazu, die Zähne regelmäßig zu reinigen und den Zuckerkonsum zu reduzieren, um Karies zu vermeiden. Prothesen gab es damals nur in so einfacher und schlecht sitzender Ausführung, dass sie zum Essen herausgenommen und erst wieder eingesetzt wurden, wenn man sich nach Tisch unterhalten wollte. Ein großes Problem dabei war stets: Wie befestigt man eine Prothese an einem zahnlosen Oberkiefer? Zu diesem Zweck ließen sich manche Menschen sogar das Zahnfleisch durchbohren, um nach dem Prinzip von Ohrringen ihre künstlichen Zähne daran aufzuhängen. Pierre Fauchard war darüber äußerst entsetzt und erfand ein zusammenhängendes Gebiss, das im Unterkiefer an eigenen Zähnen befestigt wurde und mittels Federkraft den oberen Teil der Prothese an den Oberkiefer drückte. Endlich fielen die Prothesen nicht mehr aus dem Mund! Und man konnte mit ihnen sogar kauen!

Rund vierzig Jahre nach dem Tod von Pierre Fauchard entdeckte James Gardette, dass Prothesen im Mund auch ohne Federeinwirkung halten können. Das Prinzip der Saugwirkung funktionierte aber  – genau wie heute –  nur bei hervorragender Passform der Prothese. Und genau wie heute mussten die Dritten Zähne immer wieder dem natürlichen Gewebeschwund angepasst werden. 

Der Stoff, aus dem die Zähne waren

Im 17. Jahrhundert war Elfenbein das Material der Stunde, wenn es um Ersatzzähne ging. Gewöhnlich wurden die Stoßzähne von Nilpferd oder Walross dafür verwendet. Mussten Schneidezähne ersetzt werden, nahm man ein ganzes Stück Elfenbein, kerbte die Anmutung von Zähnen hinein und band diese plumpe Konstruktion mit Draht oder Seide an noch vorhandenen Zähnen fest. Da diese Art der Befestigung recht mühsam war, blieben die künstlichen Zähne oft einfach so lange im Mund, bis sie dort erhebliche Probleme verursachten. Wer genug Geld hatte, konnte sich auch Zahnersatz aus Silber, emailliertem Kupfer oder Perlmutt leisten, der in eine Elfenbeinplatte eingearbeitet wurde. Elfenbein begann sich allerdings beim Kontakt mit den Säften des Mundes schnell zu zersetzen, dunkelte nach und entwickelte einen üblen Geruch. Die Lösung: Porzellanzähne. Die sahen zwar immer noch sehr künstlich aus, aber sie glänzten und wirkten frisch und sauber mit ihrem rosafarbenen Porzellangaumen und den schimmernden Zähnen. Sie faulten und zersetzen sich nicht, allerdings nutzten sie sich ab und zerbrachen auch gelegentlich. 

Auf der Suche nach geeignetem Zahnersatzmaterial kam man auf die Idee, menschliche Zähne wiederzuverwenden. Dafür wurden nicht nur Gräber ausgeräumt. Eine dem Heer folgende Horde von Zahnziehern plünderte die Zahnreihen toter Soldaten. Viele Menschen trugen – ohne es zu wissen – die Zähne der Gefallenen von Waterloo oder des amerikanischen Bürgerkrieges im Mund. Desinfektionsmittel gab es noch nicht, und die geerbten Zähne führten häufig zu Infektionen, auch wenn sie vorher ausgekocht wurden. Sehr arme Menschen ließen sich sogar gesunde eigene Zähne ziehen und verkauften sie an Reiche, die Probleme mit einem lückenhaften Gebiss hatten.

Wichtige Erkenntnisse

Lange scheiterte die zahnärztliche Versorgung mit Kronen oder Brücken daran, dass es keine geeigneten Schleifmaschinen und vor allem keinen Zahnkitt gab, der im Mund fest wurde und hielt. 1869 entdeckte man, dass Zink-Oxyphosphat sich als brauchbarer Zahnzement erwies; drei Jahre später wurde auch der erste Zahnbohrer mit Fußbetrieb erfunden. Diese Fortschritte legten den Grundstein für die moderne Zahnmedizin. Gute gearbeitete Brücken, Jacketkronen und Stiftzähne konnten nun dauerhaft im Mund untergebracht werden. Darunter allerdings sah es fürchterlich aus. Eine antiseptische Vorbehandlung der Wurzeln fand nicht statt, Geschwüre und Fisteln bildeten sich, und die Patienten wurden regelrecht krank von ihrem Zahnersatz. Der englische Arzt William Hunter bezeichnete diese Zahnersatz-Konstruktionen als "goldene Mausoleen über einem Haufen Sepsis". Wie wichtig eine gesunde Zahnwurzel für eine Krone oder Brücke ist, stellte man erst mit der zunehmenden Verwendung von Röntgenapparaten fest. Die Zahnärzte erfuhren nun mehr über den Zusammenhang von Zähnen, Zahnfleisch und Blutkreislauf und erkannten mithilfe der Durchleuchtungstechnik, dass auch abgestorbene Zähne ein brauchbarer Teil der Anatomie sein konnten. Von da an zogen sie nur noch die Exemplare, die wirklich entfernt werden mussten. 

Gummi, Zelluloid und Betäubung

Mitte des 19. Jahrhunderts erfand die Firma Goodyear das vulkanisierte Hartgummi, preiswert und leicht zu verarbeiten. Daraus ließen sich Gaumenplatten nach Zahnabdrücken anfertigen, die nicht nur bezahlbar, sondern auch gut formbar waren. Inzwischen gab es auch die Betäubung durch Lachgas, die ein schmerzloses Ziehen von Zähnen ermöglichte. Plötzlich wünschte sich jeder neue Zähne, und Amerika wurde von einer Hartgummi-Welle überschwemmt. Die Firma Goodyear hatte jedoch mehrere Patente darauf erworben und wollte mit den Zahnärzten ein Vermögen machen, in dem sie Gebühren und Tantiemen forderte und sie durch Agenten im ganzen Land eintreiben ließ. Das führte schließlich dazu, dass der Schatzmeister der Gesellschaft von einem aufgebrachten Zahnarzt am 13. April 1879 in seinem Hotelzimmer ermordet wurde. Um dem Patentrecht-Ärger aus dem Weg zu gehen, erprobten die Ärzte neue Materialien wie Zelluloid, das eine Zeitlang als Ersatz für Hartgummi diente. Das Gummi blieb aber noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in Gebrauch, bis es schließlich von Kunstharz abgelöst wurde.   

Und heute?

Wenn Sie bis hier tapfer gelesen haben, dann atmen Sie tief durch und freuen sich über die medizinischen Errungenschaften der modernen und vor allem ästhetischen Zahnheilkunde. Es war ein langer Weg bis zu schmerzfreien Extraktionen und Operationen, sterilen Werkzeugen und raffinierten Zahnersatzlösungen. Heute sitzen Sie während der Behandlung bequem in einem Stuhl, und niemand klemmt Ihnen den Kopf ein oder fesselt Sie, um eine Zahnbehandlung durchzuführen. Schiefe Zähne, kaputte Zähne, zu viele oder gar keine Zähne – in Ihrer Zahnarztpraxis gibt es für jedes Problem eine passende zahnmedizinische Lösung. Ihr Zahnarzt oder die Zahnärztin konzentrieren sich ausschließlich auf die Gesundheit Ihrer Zähne und schneiden nicht nebenbei noch Ihre Haare oder beschlagen ein Pferd. Denken Sie doch ab und zu mal beim Zähneputzen daran. 


Dieser Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern. Er ist nicht als Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung gedacht. Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.