Beim Sjögren-Syndrom fehlt Speichel, und damit ein natürlicher Schutz der Zähne. Wie Sie Karies vorbeugen, was gegen den trockenen Mund hilft und was die Kasse übernimmt.
Beim Sjögren-Syndrom greift das Immunsystem unter anderem die Speicheldrüsen an. Weil Speichel die Zähne schützt, steigt das Risiko für Karies, Zahnfleischentzündungen und Pilzinfektionen deutlich. Mit sorgfältiger Pflege, Fluorid, engmaschigen Kontrollen und Mitteln gegen die Mundtrockenheit lassen sich viele Schäden vermeiden.
Eine Patientin Mitte fünfzig kam mit einer kleinen Wasserflasche in der Hand ins Behandlungszimmer und stellte sie griffbereit neben sich. Sie putzte gewissenhaft, trotzdem hatten sich innerhalb eines Jahres an mehreren Zahnhälsen neue kariöse Stellen gebildet. Erst einige Monate später bekam sie von ihrer Rheumatologin die Diagnose Sjögren-Syndrom.
Solche Verläufe sind typisch. Dieser Beitrag erklärt, warum der fehlende Speichel den Zähnen so zusetzt und was Sie selbst und Ihre Zahnarztpraxis dagegen tun können.
Was ist das Sjögren-Syndrom?
Das Sjögren-Syndrom ist eine chronische Autoimmunerkrankung. Das Immunsystem richtet sich gegen Drüsen, vor allem gegen die Tränen- und Speicheldrüsen. Die Folge sind trockene Augen und ein trockener Mund. Viele Betroffene berichten außerdem über Gelenkschmerzen und eine ausgeprägte Müdigkeit.
Nach Angaben der Deutschen Rheuma-Liga sind schätzungsweise 2 bis 10 von 1.000 Erwachsenen betroffen, wobei die Zahlen als ungenau gelten. Neun von zehn Erkrankten sind Frauen. Die Beschwerden beginnen meist zwischen Anfang 30 und Mitte 60. Bis zur Diagnose vergehen im Durchschnitt etwa zehn Jahre, auch weil ein trockener Mund lange nicht als Krankheitszeichen erkannt wird.
Warum schadet der fehlende Speichel den Zähnen?
Speichel ist weit mehr als Feuchtigkeit. Er spült Speisereste und Bakterien fort, puffert Säuren ab und liefert Mineralien, mit denen der Zahnschmelz kleine Schäden selbst reparieren kann. Wie vielseitig er arbeitet, lesen Sie im Beitrag über den Speichel.
Fehlt dieser Schutz, haben Bakterien leichtes Spiel. Das US-amerikanische Zahnforschungsinstitut NIDCR weist darauf hin, dass beim Sjögren-Syndrom das Risiko für Karies, Zahnverlust und Infektionen im Mund steigt. Typisch sind kariöse Stellen an Zahnhälsen und freiliegenden Wurzeln, also an Bereichen, die sonst eher selten betroffen sind. Mehr dazu finden Sie im Beitrag über Wurzelkaries. Auch das Zahnfleisch wird anfälliger für Entzündungen.
Woran merken Sie, dass der Mund zu trocken ist?
Viele merken es zuerst beim Essen. Trockenes Brot lässt sich schwer schlucken, der Geschmack verändert sich, die Zunge klebt am Gaumen. Manche wachen nachts auf, weil der Mund ausgedörrt ist, und brauchen beim Sprechen immer wieder einen Schluck Wasser. Auch Mundgeruch kann eine Folge sein.
Ein brennendes Gefühl im Mund kann auf eine Pilzinfektion hindeuten, die bei Mundtrockenheit leichter entsteht. Was dann hilft, beschreiben wir im Beitrag über Pilzinfektionen im Mund. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen schwellen zudem die Ohrspeicheldrüsen an und werden druckempfindlich. Eine Schwellung, die nicht wieder abklingt, sollte ärztlich angesehen werden, denn Menschen mit Sjögren-Syndrom haben ein erhöhtes Risiko für bestimmte Lymphome.
Kann die Zahnarztpraxis ein Sjögren-Syndrom erkennen?
Die Diagnose stellt die Rheumatologie, aber die Zahnarztpraxis ist oft die erste, der etwas auffällt. Eine sehr trockene, klebrige Schleimhaut, auffallend viel Belag trotz guter Pflege und neue Karies an ungewöhnlichen Stellen sind Gründe, nachzufragen. Wenn zusätzlich die Augen ständig brennen oder sandig wirken, ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.
Zur Diagnose gehören unter anderem der Schirmer-Test, der die Tränenmenge misst, Blutuntersuchungen auf bestimmte Antikörper wie Anti-Ro/SSA und Anti-La/SSB, Messungen der Speichelmenge und in manchen Fällen eine Gewebeprobe aus einer Speicheldrüse. Dass es oft Jahre bis zur Diagnose dauert, liegt auch daran, dass die Beschwerden schleichend beginnen und sich auf verschiedene Fachrichtungen verteilen: die Augen zur Augenärztin, die Gelenke zum Hausarzt, der Mund zur Zahnarztpraxis. Erst wer alles zusammen sieht, kommt auf die Spur. Falls Sie die Diagnose bereits haben, sagen Sie es Ihrer Zahnarztpraxis unbedingt. Nur dann kann sie die Vorsorge darauf abstimmen.
Wie schützen Sie Ihre Zähne im Alltag?
Der wichtigste Baustein ist Fluorid. Putzen Sie nach den Mahlzeiten und vor dem Schlafengehen mit fluoridhaltiger Zahnpasta und reinigen Sie täglich die Zwischenräume mit Zahnseide oder Zwischenraumbürsten. Die Rheuma-Liga empfiehlt eine weiche, möglichst elektrische Zahnbürste. Ob zusätzlich eine Fluoridspülung oder ein Fluoridgel für den Abend sinnvoll ist, besprechen Sie mit Ihrer Zahnärztin. Hintergründe dazu finden Sie im Beitrag über Fluorid als Kariesschutz.
Fast genauso wichtig ist, was Sie zwischendurch zu sich nehmen. Zucker und Säure greifen einen trockenen Mund besonders schnell an. Wasser in kleinen Schlucken ist ideal, zuckerfreie Kaugummis oder Lutschbonbons regen den verbliebenen Speichelfluss an. Saure Getränke und Süßigkeiten über den Tag verteilt sind dagegen ungünstig.
Hilfreich ist ein fester Rhythmus. Wer seine Mahlzeiten bündelt, statt über den Tag verteilt zu naschen, gibt den Zähnen Pausen. Wenn Sie gern Limonade oder Cola trinken, greifen Sie zu zuckerfreien Varianten und trinken Sie diese eher zu den Mahlzeiten als zwischendurch. Und wenn Sie unterwegs nicht putzen können, hilft schon ein Schluck Wasser und ein zuckerfreier Kaugummi nach dem Essen.
Unser Tipp:
Gehen Sie Ihre Medikamentenliste einmal mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt durch. Einige Mittel, zum Beispiel bestimmte Antihistaminika, Antidepressiva oder abschwellende Präparate, können den Mund zusätzlich austrocknen. Setzen Sie aber bitte nichts eigenständig ab, sondern fragen Sie, ob es eine Alternative gibt.
Was kann die Zahnarztpraxis zusätzlich tun?
Menschen mit Sjögren-Syndrom profitieren von kürzeren Abständen zwischen den Kontrollen. Das NIDCR nennt mindestens zwei Termine im Jahr, die Rheuma-Liga hält eine professionelle Zahnreinigung idealerweise alle drei Monate für sinnvoll. In der Praxis kann ein Fluoridlack aufgetragen werden, der die Zahnoberflächen zusätzlich schützt. Bei erhöhtem Risiko kommen auch Spülungen mit Chlorhexidin in Frage, deren Anwendung Sie mit der Praxis absprechen.
Hat sich bereits eine Zahnbettentzündung entwickelt, wird sie wie bei anderen Patienten auch systematisch behandelt. Wenn später Zahnersatz nötig wird, rät die Rheuma-Liga, festsitzende Lösungen wie Brücken herausnehmbarem Zahnersatz vorzuziehen. Implantate können je nach Situation ebenfalls eine Möglichkeit sein.
Was hilft gegen die Mundtrockenheit selbst?
Speichelersatzmittel gibt es als Spray, Gel oder Spüllösung. Sie ersetzen den Speichel nicht vollständig, machen das Sprechen, Essen und Schlafen aber oft deutlich angenehmer. Manche Betroffene kommen nachts besser mit einem Gel oder einem Film zurecht, tagsüber mit einem Spray. Die Rheuma-Liga nennt außerdem einfache Hausmittel zum Spülen und Befeuchten, etwa Wasser, ungesüßten Kräutertee, Salzwasser, milde alkoholfreie Mundwässer oder etwas Olivenöl. Probieren Sie in Ruhe aus, was sich für Sie angenehm anfühlt, denn hier gibt es kein Richtig oder Falsch. Weitere Alltagstipps haben wir im Beitrag über Mundtrockenheit gesammelt.
Wenn die Speicheldrüsen noch etwas arbeiten, kann der Wirkstoff Pilocarpin sie anregen. In Deutschland ist laut Rheuma-Liga ein Pilocarpin-Präparat zur Behandlung des Sjögren-Syndroms zugelassen. Es kann Nebenwirkungen wie starkes Schwitzen, Übelkeit, Kopfschmerzen oder vermehrten Harndrang auslösen und ist zum Beispiel für Menschen mit Asthma nicht geeignet. Ob es für Sie in Frage kommt, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Rheumatologin oder Ihrem Rheumatologen.
Was zahlt die Krankenkasse bei Sjögren-Syndrom?
Rezeptfreie Präparate übernehmen die gesetzlichen Kassen in der Regel nicht. Für Speichelersatz gibt es aber eine Ausnahme: Nach der Arzneimittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses ist synthetischer Speichel zur Behandlung krankheitsbedingter Mundtrockenheit bei onkologischen oder Autoimmunerkrankungen verordnungsfähig. Beim Sjögren-Syndrom kann er also auf Rezept verschrieben werden.
Eine notwendige Parodontitisbehandlung ist Kassenleistung, die professionelle Zahnreinigung dagegen nicht. Viele Kassen geben aber einen Zuschuss, eine Übersicht finden Sie im Beitrag Zahnreinigung: Zuschuss der Krankenkassen. Wenn Sie eine Praxis suchen, die Ihre Vorsorge eng begleitet, können Sie eine Partnerpraxis in Ihrer Nähe finden und online einen Termin anfragen.
Macht das Sjögren-Syndrom die Zähne kaputt?
Der fehlende Speichel erhöht das Risiko für Karies, Zahnfleischentzündungen und Zahnverlust deutlich. Mit Fluorid, sorgfältiger Pflege und engmaschigen Kontrollen lässt sich ein großer Teil dieser Schäden aber verhindern. Wichtig ist, früh damit zu beginnen.
Wie oft sollte ich mit Sjögren-Syndrom zur Zahnärztin gehen?
Mindestens zweimal im Jahr, oft ist ein kürzerer Abstand sinnvoll. Die Deutsche Rheuma-Liga hält eine professionelle Zahnreinigung idealerweise alle drei Monate für sinnvoll. Den passenden Rhythmus legen Sie am besten gemeinsam mit Ihrer Praxis fest.
Bekomme ich Speichelersatz auf Rezept?
Ja, beim Sjögren-Syndrom ist das möglich. Synthetischer Speichel ist laut Arzneimittel-Richtlinie bei krankheitsbedingter Mundtrockenheit infolge von Autoimmun- oder Tumorerkrankungen verordnungsfähig, obwohl er sonst zu den rezeptfreien Mitteln zählt.
Hilft Kaugummikauen bei trockenem Mund?
Zuckerfreie Kaugummis oder Lutschbonbons können den verbliebenen Speichelfluss anregen. Das hilft allerdings nur, solange die Speicheldrüsen noch etwas arbeiten. Zuckerhaltige Produkte sind bei Mundtrockenheit dagegen besonders schädlich für die Zähne.
Ist Sjögren heilbar?
Das Sjögren-Syndrom ist eine chronische Erkrankung und nach heutigem Stand nicht heilbar. Die Beschwerden lassen sich aber lindern, und die Zähne können mit guter Vorsorge in vielen Fällen lange erhalten bleiben. Die Behandlung wird von der Rheumatologie gesteuert.
Hinweis: Dieser zahnmedizinische Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern.
Er ist kein Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.