Wie lange braucht ein Zahnimplantat, bis es fest im Kiefer sitzt? Sie erfahren, was bei der Osseointegration passiert, welche Zeiten für Ober- und Unterkiefer gelten und was die Einheilung verzögern kann.
Ein Zahnimplantat braucht nach dem Einsetzen meist einige Monate, bis es fest mit dem Kieferknochen verwachsen ist. Häufig rechnen Praxen mit drei bis sechs Monaten, bevor die endgültige Krone kommt. Wie lange es bei Ihnen dauert, hängt vom Kiefer, von der Stabilität des Implantats und von Ihrer allgemeinen Gesundheit ab.
Für viele Patientinnen und Patienten ist diese Wartezeit der Teil der Implantatbehandlung, der am meisten Geduld kostet. Dabei passiert in diesen Wochen im Knochen eine ganze Menge. Im Folgenden lesen Sie, wie die Einheilung abläuft, warum Ober- und Unterkiefer unterschiedlich lange brauchen und wann Sie besser früher in die Praxis gehen.
Was passiert bei der Osseointegration?
Osseointegration ist der Fachbegriff dafür, dass ein Implantat direkt mit dem Knochen verwächst. Der Vorgang ähnelt der Heilung nach einem Knochenbruch. Wie schnell er abläuft, hängt unter anderem von der Form und der Oberfläche des Implantats ab.
Fachleute unterscheiden zwei Arten von Halt. Die Primärstabilität entsteht sofort beim Eindrehen, weil das Implantat mechanisch im Knochen klemmt. Die Sekundärstabilität wächst erst mit der Zeit, während der Körper alten Knochen ab- und neuen aufbaut. Nach Angaben der Landeszahnärztekammern haben nach etwa 90 Tagen rund 80 bis 90 Prozent der Implantatoberfläche festen Kontakt zum Knochen.
Warum also nicht gleich kräftig zubeißen? Bewegt sich das Implantat in dieser Phase zu stark gegen den Knochen, kann sich statt Knochen Bindegewebe bilden. Dann sitzt es nicht richtig fest. Deshalb wird es in den ersten Wochen und Monaten vor zu viel Belastung geschützt.
Wie lange dauert die Einheilzeit im Ober- und Unterkiefer?
Eine feste Zahl, die für alle gilt, gibt es nicht. Im klassischen Behandlungsprotokoll, das in der Fachliteratur auf den Implantologen Adell und seine Kollegen zurückgeführt wird, sollte ein Implantat im Unterkiefer etwa drei bis vier Monate unbelastet bleiben. Für den Oberkiefer wurden sechs bis acht Monate angesetzt.
Heute nennen Patienteninformationen meist eine Einheilphase von bis zu sechs Monaten. Wird das Implantat gedeckt eingeheilt, legt die Praxis es in der Regel nach drei bis sechs Monaten frei. In Studien zur Belastung von Implantaten gilt ein Zeitraum ab etwa drei Monaten als übliche, konventionelle Wartezeit.
Ihre Zahnärztin oder Ihr Zahnarzt legt den Zeitplan individuell fest. Eine Rolle spielen zum Beispiel, wie fest das Implantat direkt nach dem Eindrehen sitzt, ob zusätzlich Knochen aufgebaut wurde und welche Vorerkrankungen bestehen. Ihr Plan kann deshalb ganz anders aussehen als der einer Bekannten, die ebenfalls ein Implantat bekommen hat.
Was unterscheidet die geschlossene von der offenen Einheilung?
Bei der geschlossenen, auch gedeckten Einheilung wird das Implantat nach dem Einsetzen vollständig vom Zahnfleisch bedeckt. Es heilt unsichtbar im Kiefer ein. Nach der Einheilzeit folgt ein zweiter, kleinerer Eingriff unter örtlicher Betäubung, die sogenannte Freilegung. Dabei wird ein Gingivaformer eingeschraubt, ein kleiner Aufsatz, um den sich das Zahnfleisch innerhalb von etwa einer Woche formt.
Bei der offenen Einheilung ragt das Implantat oder ein Aufsatz von Anfang an durch das Zahnfleisch in die Mundhöhle. Ein zweiter Eingriff entfällt dann. Fachleute sprechen auch von einem einzeitigen oder transgingivalen Vorgehen, also „durch das Zahnfleisch hindurch“.
Welche Variante passt, entscheidet die Praxis anhand des Befunds. Für Menschen, die Medikamente gegen Knochenabbau einnehmen, sogenannte Antiresorptiva, gibt die aktuelle S3-Leitlinie ausdrücklich keiner der beiden Methoden den Vorzug.
Ist eine Sofortbelastung möglich?
Bei der Sofortbelastung bekommt das Implantat schon kurz nach dem Einsetzen einen Zahnersatz, oft am selben Tag oder innerhalb einer Woche. Von früher Belastung spricht man, wenn der Zahnersatz nach einigen Wochen folgt, zum Beispiel nach sechs Wochen. Die konventionelle Belastung, oft auch Spätbelastung genannt, wartet die übliche Einheilzeit ab.
Ein Cochrane-Review hat diese Varianten verglichen. Die Autoren fanden keinen überzeugenden Hinweis auf einen klinisch bedeutsamen Unterschied bei Implantatverlusten oder Knochenabbau. Die Aussagekraft der eingeschlossenen Studien bewerten sie allerdings als sehr gering.
Voraussetzung ist ein sehr fester Sitz gleich beim Einsetzen. Im Cochrane-Review schien ein hohes Eindrehmoment von mindestens 35 Newtonzentimetern nötig zu sein, damit eine sofortige oder frühe Belastung gelingt. In manchen Studien wurde die provisorische Krone so gestaltet, dass sie den Gegenzahn beim Zubeißen nicht berührt. Wann ein Implantat schon direkt nach dem Zahnziehen gesetzt werden kann, lesen Sie im Beitrag zum Sofortimplantat.
Welches Provisorium tragen Sie während der Einheilphase?
Monatelang mit einer Lücke leben möchte kaum jemand, schon gar nicht im sichtbaren Bereich. In Studien zur konventionellen Belastung tragen Patientinnen und Patienten in der Wartezeit meist eine herausnehmbare Prothese. Wichtig ist, dass dieses Provisorium nicht auf das frisch gesetzte Implantat drückt.
Die Landeszahnärztekammern raten in ihrer Patienteninformation zu klaren Regeln. Bei einer sichtbaren Lücke kommt ein herausnehmbarer Ersatz nur infrage, wenn die Chirurgin oder der Chirurg zustimmt und ihn angepasst hat. Er dient dann vor allem dem Aussehen und soll keine Kaukraft übertragen. Liegt die Lücke weiter hinten und fällt nicht auf, empfehlen die Kammern, ganz auf eine herausnehmbare Lösung zu verzichten.
Bei Menschen, die knochenstärkende Medikamente einnehmen, sind Druckstellen unter Prothesen ein bekannter Auslöser für Probleme am Kieferknochen. Zeigen Sie Druckstellen deshalb frühzeitig in der Praxis, statt abzuwarten.
Unser Tipp:
Klären Sie schon vor der Implantation, welches Provisorium Sie in der Einheilzeit tragen und wann die Freilegung geplant ist. Tragen Sie sich die Termine gleich in den Kalender ein, dann entsteht später keine unnötige Pause im Ablauf. Wenn Sie eine Praxis für eine Implantatberatung suchen, finden Sie über die DentNet-Zahnarztsuche eine Praxis in Ihrer Nähe und können online einen Termin anfragen.
Was kann die Einheilung verzögern?
Rauchen
Nikotin verschlechtert die Wundheilung und kann das Risiko für Entzündungen deutlich erhöhen. In Patienteninformationen wird geraten, nach dem Eingriff mindestens zwei Wochen nicht zu rauchen. Was das Rauchen für Zahnersatz bedeutet, erklärt der Beitrag Rauchen und Zahnersatz.
Diabetes
Bei schlecht eingestelltem Blutzucker verläuft die Osseointegration laut S3-Leitlinie vermutlich langsamer, und die Stabilität des Implantats erholt sich zögerlicher. Nach einem Jahr zeigen sich meist keine Unterschiede mehr. Eine generell längere Einheilzeit empfiehlt die Leitlinie nicht, eine Sofort- oder Frühbelastung soll aber kritisch geprüft werden. Bringen Sie am besten Ihren aktuellen HbA1c-Wert mit, also den Langzeitblutzucker.
Knochenaufbau
Reicht der Knochen nicht aus, wird er vorher oder gleichzeitig aufgebaut. Die Behandlung dauert dann länger, weil auch der Aufbau ausheilen muss. Wird ein Zahnfach direkt nach dem Ziehen mit Ersatzmaterial gefüllt, nennt die Leitlinie als häufigsten Wert vier bis sechs Monate bis zur Implantation. Immerhin halten Implantate in gut ausgeheiltem, aufgebautem Knochen laut Leitlinie bei sonst gesunden Menschen langfristig nicht schlechter als in eigenem Knochen. Mehr dazu im Beitrag Knochenaufbau.
Bisphosphonate und andere Antiresorptiva
Diese Medikamente bremsen den Knochenabbau, verlangsamen aber auch den natürlichen Umbau des Knochens. Die S3-Leitlinie hält deshalb eine längere Einheilzeit vor der Belastung für begründbar und rät, einen Knochenaufbau möglichst zu vermeiden. Vorab wird Ihr persönliches Risiko für eine Kiefernekrose eingeschätzt, also für das Absterben von Kieferknochen. Setzen Sie solche Medikamente nie eigenmächtig ab, sondern sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt und Ihrer Zahnarztpraxis. Hintergründe liefert der Beitrag Bisphosphonate und Kiefernekrose.
Woran erkennen Sie Probleme in der Einheilphase?
Das Einsetzen eines Implantats gilt als Routineeingriff. Komplikationen lassen sich trotzdem nicht ganz ausschließen, in der Einheilphase ist vor allem eine Infektion das Hauptrisiko. Melden Sie sich zeitnah in Ihrer Praxis, wenn Sie Folgendes bemerken:
- Schmerzen, die anhalten oder stärker werden
- eine starke Schwellung
- Blutungen, auch beim Reinigen rund um das Implantat
Ob es sich um eine harmlose Reizung oder um eine Entzündung handelt, lässt sich nur bei einer Untersuchung klären. Schon geringe Beläge können das Gewebe um ein Implantat entzünden, ähnlich wie bei einer Zahnfleischentzündung. Fachleute sprechen dann von einer Periimplantitis. Wie Sie sich in den ersten Tagen nach dem Eingriff am besten verhalten, lesen Sie unter Verhalten und Ernährung nach dem Eingriff.
Ist Ihre eigene Praxis gerade nicht erreichbar, können Sie über die DentNet-Suche schnell einen Zahnarzt in der Nähe finden.
Wann kommt die endgültige Krone?
Nach der Freilegung geht es meist zügig weiter. Hat sich das Zahnfleisch um den Gingivaformer geformt, nimmt die Praxis nach etwa ein bis zwei Wochen einen Abdruck. Danach wird das endgültige Verbindungsteil, das Abutment, eingesetzt und die Krone darauf befestigt.
Beim häufigsten Weg, also einem Implantat in einen bereits ausgeheilten Kiefer, folgt die Krone nach Angaben der Landeszahnärztekammern etwa drei bis sechs Monate nach der Implantation. Wurde Knochen aufgebaut oder liegen Risikofaktoren vor, dauert es oft länger. Mit der Krone ist die Behandlung übrigens nicht vorbei. Regelmäßige Kontrollen und gründliche Pflege bestimmen mit, wie lange Sie Freude an Ihrem Implantat haben.
Merke ich selbst, ob mein Implantat eingeheilt ist?
Ob die Einheilung abgeschlossen ist, lässt sich von außen nicht zuverlässig spüren. Die Praxis prüft die Stabilität deshalb gezielt, zum Beispiel mit einem Messgerät, das die Festigkeit des Implantats im Knochen erfasst. Erst danach wird entschieden, wann die Krone kommt.
Darf ich während der Einheilzeit auf der Implantatseite kauen?
In der Einheilphase soll das Implantat nicht belastet werden, solange Ihre Praxis nichts anderes festlegt. Kauen Sie deshalb möglichst auf der anderen Seite und meiden Sie harte Speisen im Bereich des Implantats. Bei einer Sofortversorgung gelten eigene Regeln, die Ihnen die Praxis mitgibt.
Muss ich Bisphosphonate vor einer Implantation absetzen?
Nicht auf eigene Faust. Die aktuelle S3-Leitlinie sieht keine ausreichende Grundlage, um eine Medikamentenpause rund um den Eingriff zu empfehlen. Ob und wie behandelt wird, klären Ihre Zahnarztpraxis und Ihre behandelnde Ärztin oder Ihr behandelnder Arzt gemeinsam anhand Ihres persönlichen Risikos.
Verlängert sich die Einheilzeit automatisch, wenn ich Diabetes habe?
Nicht automatisch. Die S3-Leitlinie zu Implantaten bei Diabetes empfiehlt keine generell längere Einheilzeit, bei schlecht eingestelltem Blutzucker wird eine sehr frühe Belastung aber kritisch geprüft. Vor der Operation sollte außerdem das Zahnfleisch untersucht und eine Parodontitis gegebenenfalls zuerst behandelt werden.
Wie oft sollte ein Implantat nach der Einheilung kontrolliert werden?
Die Landeszahnärztekammern empfehlen Kontrollen alle drei bis sechs Monate, mindestens aber einmal im Jahr. Dabei achtet die Praxis auf Beläge und Entzündungszeichen am Implantat. Blutet es beim Reinigen, sollten Sie nicht bis zum nächsten Routinetermin warten.
Hinweis: Dieser zahnmedizinische Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern.
Er ist kein Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.