Nach einem Zahnverlust baut sich der Kieferknochen ab, am stärksten in den ersten Monaten. Sie erfahren, warum das passiert, wie schnell es geht, welche Folgen es für Prothesen und Implantate hat und was sich dagegen tun lässt.
Nach dem Verlust eines Zahns baut sich der Kieferknochen an dieser Stelle ab. Am stärksten schrumpft er in den ersten Monaten, und zwar vor allem in der Breite. Eine bekannte Studie von Schropp und Kollegen aus dem Jahr 2003 fand nach dem Ziehen eines Seitenzahns innerhalb eines Jahres einen Verlust von bis zu der Hälfte der Kieferkammbreite.
Das klingt zunächst nach viel. Der Vorgang ist aber gut erforscht, und es gibt Wege, ihn zu bremsen oder fehlenden Knochen zu ersetzen. Hier lesen Sie, wie der Abbau entsteht, was er für Prothesen, Gesicht und Implantate bedeutet und welche Behandlungen infrage kommen.
Warum baut sich der Kieferknochen nach Zahnverlust ab?
Der Knochen rund um einen Zahn ist auf diesen Zahn angewiesen. Ein Teil davon, der sogenannte Bündelknochen, verankert die Fasern, mit denen die Wurzel im Kiefer aufgehängt ist. Mit dem Zahn gehen dieser Bündelknochen und der Zahnhalteapparat immer verloren.
Hinzu kommt, dass die Kaukräfte nicht mehr über die Wurzel in den Knochen geleitet werden. Gewebe, das nicht mehr beansprucht wird, bildet sich zurück. Fachleute nennen das eine Inaktivitätsatrophie, den Abbau selbst bezeichnen sie als Resorption. Nach Angaben der Landeszahnärztekammern beginnt der Knochen in einer Lücke schon innerhalb weniger Monate zu schwinden.
Wie stark das ausfällt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Eine sehr dünne äußere Knochenwand von unter einem Millimeter und dünnes Zahnfleisch begünstigen laut Leitlinie einen stärkeren Rückgang. Auch eine Entzündung vor dem Zahnverlust, etwa bei einer Parodontitis, kann den Kieferkamm schon vorher geschwächt haben.
Wie schnell schwindet der Knochen nach dem Zahnziehen?
Schropp und Kollegen begleiteten 46 Patientinnen und Patienten über zwölf Monate, nachdem ihnen ein Seitenzahn gezogen worden war. Die Breite des Kieferkamms nahm in diesem Jahr um bis zu 50 Prozent ab. Etwa zwei Drittel dieses Verlusts traten bereits in den ersten drei Monaten auf.
Die deutsche Leitlinie zu Implantationszeitpunkten fasst die Studienlage ähnlich zusammen. In der Breite gehen nach dem Zahnziehen 29 bis 63 Prozent verloren, das sind etwa 2,5 bis 4,6 Millimeter. In der Höhe sind es 11 bis 22 Prozent oder etwa 0,8 bis 1,5 Millimeter. Am ausgeprägtesten ist der Abbau in den ersten drei bis sechs Monaten.
Für Ihre Planung bedeutet das, dass sich in den ersten Wochen nach dem Zahnverlust am meisten verändert. Wer zu diesem Zeitpunkt schon weiß, wie die Lücke versorgt werden soll, hat mehr Möglichkeiten.
Welche Folgen hat Knochenschwund im Kiefer?
Halt von Prothesen
Je flacher und schmaler der Kieferkamm wird, desto weniger Halt findet eine Prothese. Viele Betroffene fühlen sich dann beim Sprechen und Kauen gehemmt, oft kommen schmerzhafte Druckstellen hinzu. Dieser Druck kann den Knochenabbau laut Landeszahnärztekammern zusätzlich beschleunigen.
Gesichtsprofil
Bildet sich vor allem der vordere Oberkiefer stark zurück, fehlt den Lippen die Stütze. Ohne einen Zahnersatz, der das ausgleicht, kann das Gesicht eingefallen wirken. Bei starkem Abbau in beiden Kiefern kann sich außerdem das Verhältnis von Ober- zu Unterkiefer so verschieben, dass das Kinn stärker hervortritt.
Möglichkeiten für Implantate
Ein Zahnimplantat braucht genug Knochen in Höhe und Breite. Fehlt er, ist ein Implantat an dieser Stelle manchmal nur mit kleinerem Durchmesser oder erst nach einem Knochenaufbau möglich. Im sichtbaren Bereich empfehlen Fachleute mindestens zwei Millimeter Knochen auf der Außenseite des Implantats.
Wie stellt die Zahnarztpraxis Knochenschwund fest?
Am Anfang stehen das Gespräch und die Untersuchung im Mund. Für einen Überblick reicht laut S3-Leitlinie in vielen Fällen eine zweidimensionale Aufnahme wie das Orthopantomogramm, kurz OPG. Diese Panoramaschichtaufnahme zeigt beide Kiefer auf einem Bild.
Eine dreidimensionale Aufnahme, die digitale Volumentomographie (DVT), ist dann angezeigt, wenn das zweidimensionale Bild für Diagnose und Planung nicht ausreicht. Beispiele aus der Leitlinie sind ein deutlich zu schmaler Kieferkamm, ein stark abgebauter Unterkiefer im Seitenbereich, Besonderheiten der Kieferhöhle oder ein Nervkanal, der im Röntgenbild nicht klar zu erkennen ist. Auch für eine computergestützte Implantatplanung sollte in der Regel ein DVT erfolgen.
Jede Röntgenaufnahme muss zahnärztlich begründet sein, weil sie mit Strahlung verbunden ist. Die Leitlinie nennt für ein OPG eine effektive Dosis von etwa 2,7 bis 24,5 Mikrosievert, für ein DVT je nach Gerät und Einstellung etwa 11 bis 674 Mikrosievert. Gewählt wird deshalb der kleinste Bildausschnitt, der die Frage beantwortet.
Kann man dem Knochenabbau vorbeugen?
Ganz verhindern lässt sich der Umbau nach einer Zahnextraktion nicht, denn der Bündelknochen geht in jedem Fall verloren. Sie können aber beeinflussen, wie viel Knochen erhalten bleibt. Hilfreich ist vor allem, die Versorgung der Lücke früh zu planen, am besten schon bevor der Zahn gezogen wird.
Ein Implantat leitet Kaukräfte ähnlich wie eine natürliche Wurzel in den Knochen und kann den Abbau dadurch verlangsamen. Das gilt laut Landeszahnärztekammern für einzelne Lücken ebenso wie für zahnlose Kiefer.
Soll das Implantat erst später gesetzt werden, kann das leere Zahnfach direkt beim Zahnziehen mit Knochen oder Knochenersatzmaterial aufgefüllt werden. Diese sogenannte Socket Preservation verringert den Abbau in der Breite nach einer in der Fachpresse zitierten Auswertung im Mittel um etwa 60 Prozent, verhindert ihn aber nicht vollständig. Die Leitlinie empfiehlt solche Maßnahmen zum Kieferkammerhalt, wenn erst später implantiert werden soll. Dem Verfahren widmen wir einen eigenen Ratgeber.
Unser Tipp:
Steht eine Zahnentfernung an, fragen Sie schon vorher, wie die Lücke später geschlossen werden soll. Dann lässt sich rechtzeitig entscheiden, ob beim Zahnziehen etwas für den Kieferkamm getan werden sollte. Für ein solches Planungsgespräch finden Sie über die DentNet-Zahnarztsuche eine Praxis in Ihrer Nähe und können online einen Termin anfragen.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Knochenschwund?
Knochenaufbau
Fehlt Knochen, kann er vor oder während der Implantation aufgebaut werden. Je nach Situation kommen Eigenknochen oder Ersatzmaterialien tierischen, menschlichen oder synthetischen Ursprungs infrage. Implantate in gut ausgeheiltem, aufgebautem Knochen zeigen laut Leitlinie bei sonst gesunden Menschen langfristig keine schlechteren Ergebnisse als in eigenem Knochen. Mehr dazu im Beitrag Knochenaufbau.
Bei größeren Defekten, etwa wenn mehrere Zähne nebeneinander fehlen, sind oft Knochenblöcke nötig. Aufbauten, die weit über die ursprüngliche Knochenkontur hinausgehen, haben laut Leitlinie ein deutlich höheres Risiko für Komplikationen.
Sinuslift
Im Seitenzahnbereich des Oberkiefers liegt die Kieferhöhle direkt über dem Knochen. Ist er dort zu niedrig, kann der Boden der Kieferhöhle angehoben und der Raum darunter mit Knochen oder Ersatzmaterial gefüllt werden. Die Leitlinie bewertet Eigenknochen und verschiedene Ersatzmaterialien hier als vergleichbar, was das Überleben der Implantate angeht. Wie das abläuft, erklärt der Beitrag zum Sinuslift.
Kürzere oder schmalere Implantate
Kürzere und im Durchmesser reduzierte Implantate können laut Leitlinie in vielen Fällen einen Knochenaufbau überflüssig machen. Auch sie brauchen aber ausreichend Knochen und haben eigene Einsatzbereiche. Welche Lösung passt, hängt vom Befund ab.
Was bedeutet Knochenschwund für Prothesenträger?
Wer schon lange eine Vollprothese trägt, hat häufig deutlich Knochen verloren. Die Prothese muss dann nicht nur die Zähne ersetzen, sondern auch den fehlenden Kieferkamm ausgleichen. Sitzt sie mit der Zeit lockerer, kann eine Unterfütterung helfen, also das Anpassen der Prothesenbasis an den veränderten Kiefer.
Implantate können einer Prothese wieder Halt geben. Im Unterkiefer reichen dafür nach Angaben der Landeszahnärztekammern oft zwei oder vier Implantate, eine Oberkieferprothese ohne Gaumenplatte braucht meist vier bis acht. Herausnehmbarer Zahnersatz auf Implantaten ist in der Regel günstiger als festsitzende Brücken. Auch er muss regelmäßig unterfüttert werden, damit die Implantate nicht falsch belastet werden.
Brauchen Sie immer mehr Haftcreme, damit die Prothese hält, kann das ein Hinweis sein, dass Prothese und Kiefer nicht mehr gut zusammenpassen. Tipps zur Anwendung finden Sie im Beitrag Prothese reinigen und Haftcreme richtig anwenden.
Wann sollten Sie den Kieferknochen untersuchen lassen?
Lassen Sie Ihren Kiefer in der Praxis ansehen, wenn einer dieser Punkte auf Sie zutrifft:
- Ihre Prothese hält spürbar schlechter oder wackelt beim Kauen.
- Druckstellen treten immer wieder auf oder heilen nicht ab.
- Ein Zahn muss gezogen werden, und Sie wünschen sich später ein Implantat.
- Eine Lücke besteht schon länger, und Sie denken über festen Zahnersatz nach.
Ob und wie viel Knochen fehlt, lässt sich nur durch eine Untersuchung und gegebenenfalls ein Röntgenbild beurteilen. Über die DentNet-Suche können Sie einen Zahnarzt in der Nähe finden.
Hört der Knochenabbau nach einem Zahnverlust irgendwann auf?
Am stärksten ist er in den ersten drei bis sechs Monaten, danach wird er langsamer. Fehlt die Belastung durch eine Zahnwurzel, bildet sich der Knochen aber weiter zurück. Langjährige Prothesenträger haben deshalb häufig deutlich weniger Kieferknochen als kurz nach dem Zahnverlust.
Brauche ich für ein Implantat immer ein DVT?
Nein. Laut S3-Leitlinie reicht in vielen Fällen eine zweidimensionale Aufnahme wie das OPG. Ein DVT kommt hinzu, wenn dieses Bild für die Planung nicht ausreicht, etwa bei sehr schmalem Knochen oder wenn der Verlauf des Unterkiefernervs unklar ist.
Wie lange darf eine Zahnlücke offen bleiben?
Eine feste Frist gibt es nicht. Weil der Knochen in den ersten Monaten am stärksten schrumpft, lohnt es sich aber, die Versorgung früh zu besprechen, am besten noch vor dem Zahnziehen. Je mehr Knochen verloren geht, desto eher kann vor einem Implantat ein Aufbau nötig werden.
Ist eigener Knochen besser als Knochenersatzmaterial?
Nicht unbedingt. Für den Sinuslift bewertet die Leitlinie Eigenknochen und verschiedene Ersatzmaterialien als vergleichbar, was das Überleben der Implantate angeht. Welche Lösung bei Ihnen sinnvoll ist, hängt von Größe und Lage des Defekts ab.
Warum fällt Knochenabbau im Frontzahnbereich besonders auf?
Im vorderen Oberkiefer ist die Knochenwand zur Lippe hin oft sehr dünn, eine Wand von über einem Millimeter ist eher die Ausnahme. Eine dünne Wand begünstigt laut Leitlinie stärkeren Abbau und einen Rückgang des Zahnfleischs. Weil man diesen Bereich beim Sprechen und Lächeln sieht, fallen schon kleine Veränderungen auf.
Hinweis: Dieser zahnmedizinische Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern.
Er ist kein Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.