Für viele Menschen mit Behinderung ist der Abdrucklöffel die größte Hürde. Sie erfahren, was ein Intraoralscanner hier leisten kann, wo seine Grenzen liegen und wie Sie den Termin vorbereiten.
Ein Intraoralscanner kann Menschen mit Behinderung den Abdruck deutlich erleichtern: Es gibt keinen Löffel voller Masse, Pausen sind jederzeit möglich, und der Patient kann aufrecht sitzen. Studien bei Kindern und Erwachsenen zeigen mehr Komfort und weniger Würgereiz als beim klassischen Abdruck, für Menschen mit Behinderung selbst gibt es bisher kaum Untersuchungen. Ob der Scan gelingt, hängt vor allem von Mundöffnung, Speichelfluss und Bewegungen ab.
Ein junger Mann mit Autismus hatte bei seinem letzten Abdruck die Behandlung abgebrochen. Der Geschmack, die kalte Masse, das Gefühl, nicht schlucken zu können, all das war zu viel. Beim nächsten Termin durfte er den Scanner zuerst in die Hand nehmen und auf dem Bildschirm zusehen, wie sein eigener Schneidezahn als farbiges Modell entstand. Wir scannten in kurzen Abschnitten, mit Pausen nach jedem Kieferbereich.
Nicht bei jedem Patienten klappt das so. Aber es zeigt, worin der eigentliche Vorteil liegt: Die Behandlung lässt sich in kleine, überschaubare Schritte teilen.
Warum ist der herkömmliche Abdruck für Menschen mit Behinderung oft so schwierig?
Beim klassischen Abdruck wird ein Löffel mit weicher Masse in den Mund gesetzt und so lange gehalten, bis das Material fest ist. In dieser Zeit muss der Patient ruhig bleiben, durch die Nase atmen und darf den Löffel nicht wegdrücken. Für Menschen mit geistiger Behinderung, mit Autismus, mit Spastik oder mit einem ausgeprägten Würgereflex ist genau das oft kaum möglich.
Hinzu kommen Geschmack, Geruch und das Gefühl, der Mund sei ganz ausgefüllt. Wer sich nicht gut mitteilen kann, erlebt diesen Moment schnell als bedrohlich. Fachleute aus der Behindertenzahnmedizin weisen außerdem darauf hin, dass konventionelle Abdrücke bei diesen Patienten häufiger misslingen und ein Risiko bergen, dass Material verschluckt oder eingeatmet wird. Wie Praxen Menschen mit geistiger Behinderung allgemein gut begleiten, lesen Sie im Beitrag Zahnarzt für Menschen mit geistiger Behinderung.
Wie funktioniert ein Intraoralscanner?
Der Scanner ist ein Handgerät mit einer schmalen Spitze, die ähnlich wie eine dicke Zahnbürste in den Mund geführt wird. Er wird langsam über die Zähne geführt und nimmt dabei sehr viele Bilder auf, aus denen die Software ein dreidimensionales Modell zusammensetzt. Das Modell erscheint direkt auf dem Bildschirm und kann digital an das Labor geschickt werden, wo zum Beispiel eine Krone im CAD/CAM-Verfahren entsteht.
Die Technik im Detail, ihre Genauigkeit und die typischen Einsatzgebiete erklärt der Beitrag zum Intraoralscanner und digitalen Zahnabdruck. Wie aus den Scandaten Zahnersatz wird, lesen Sie im Beitrag zur CAD/CAM-Technologie. Hier geht es darum, was der Scan speziell für Menschen mit Behinderung verändert.
Ist der Scan wirklich angenehmer als ein Abdruck?
Für Kinder und Erwachsene ohne Behinderung sprechen die Studien recht deutlich dafür. In einer randomisierten Studie mit 51 Kindern und Jugendlichen bekam jedes Kind sowohl einen klassischen Abdruck als auch zwei verschiedene Scans. Die Scans wurden insgesamt als angenehmer bewertet, Atmung, Übelkeit und Würgereiz schnitten beim klassischen Abdruck schlechter ab. Eine Übersichtsarbeit über vier Kinderstudien fand ebenfalls mehr Komfort mit dem Scanner. In einer der Studien bevorzugten 51 Prozent der Kinder den Scan und 29 Prozent den Abdruck, der Rest hatte keine Vorliebe.
Bei der Behandlungszeit sind die Ergebnisse uneinheitlich. Manche Scanner waren schneller, andere ähnlich schnell oder sogar langsamer als der Abdruck. Auch bei Erwachsenen zeigen kleine Studien mehr Komfort, einige Teilnehmer empfanden die Scannerspitze im hinteren Mundbereich aber als unangenehm.
Wichtig für Sie: Fast alle diese Studien haben Menschen mit Behinderung, mit eingeschränkter Kooperation oder mit Fehlbildungen im Gesichtsbereich bewusst ausgeschlossen. Dass der Scan auch für diese Patienten angenehmer ist, ist plausibel und deckt sich mit der Erfahrung vieler Praxen. Belegt ist es durch Studien bisher nicht. In Großbritannien wurde dazu eine Interviewstudie der Cardiff Metropolitan University registriert, die Fachleute der Behindertenzahnmedizin fragt, welche Patienten von welchem Verfahren profitieren.
Für wen kann der Intraoralscanner besonders hilfreich sein?
Der größte Vorteil liegt darin, dass der Scan unterbrochen werden kann. Ein Abdruck muss in einem Zug gelingen, ein Scan dagegen lässt sich Abschnitt für Abschnitt aufnehmen und später ergänzen. Der Patient kann dabei aufrecht sitzen und zwischendurch schlucken, sprechen oder sich bewegen. Fachleute in der Behindertenzahnmedizin sehen genau darin den Grund, warum sich manche Patienten mit dem Scanner besser zurechtfinden.
Besonders profitieren können Menschen mit starkem Würgereiz, mit Empfindlichkeit gegenüber Geschmack und Berührung, etwa bei Autismus, und Menschen, die nicht lange still halten können. Auch für Patienten, bei denen das Verschlucken von Material ein Risiko wäre, ist der Verzicht auf Abdruckmasse ein Gewinn. Hilfreich ist für manche zudem der Bildschirm: Zu sehen, was gerade passiert, macht die Behandlung vorhersehbarer.
Wo stößt der Scanner an seine Grenzen?
Ein Scan braucht trockene Zahnflächen und eine gewisse Mundöffnung. Viel Speichel, eine eingeschränkte Mundöffnung, Bewegungen des Kopfes und eine Zunge, die sich vor die Zähne schiebt, können zu Fehlern im Modell führen. Das beschreiben die Autoren einer aktuellen Übersichtsarbeit ausdrücklich. Bei Menschen mit Spastik oder starkem Speichelfluss kann der Scan deshalb länger dauern oder an einzelnen Stellen nicht gelingen.
Schwierig ist auch bewegliche Schleimhaut, also etwa der zahnlose Kiefer bei einer Vollprothese. Hier kann ein klassischer Abdruck nach wie vor die bessere Wahl sein. Und nicht jede Behandlung lässt sich wach durchführen. Wenn umfangreiche Arbeiten anstehen und der Patient sie nicht mitmachen kann, wird die Behandlung manchmal in Narkose geplant. Wann die Kasse dafür zahlt, erklärt der Beitrag Vollnarkose beim Zahnarzt: Wann die Kasse zahlt.
Unser Tipp:
Fragen Sie bei der Terminvereinbarung, ob die Praxis einen Intraoralscanner hat, und bitten Sie um einen kurzen Kennenlerntermin. Dort kann der Patient das Gerät anfassen, das Licht sehen und eine einzelne Zahnreihe ohne Druck ausprobieren. Vereinbaren Sie ein klares Pausenzeichen, zum Beispiel eine erhobene Hand. Bringen Sie eine vertraute Begleitperson mit, die weiß, was beruhigt.
Wie lässt sich der Termin gut vorbereiten?
Die Technik allein löst nicht jedes Problem. Mindestens genauso wichtig ist, wie die Praxis den Termin gestaltet. In einer Studie mit 162 Kindern mit Autismus zwischen sechs und zwölf Jahren verringerte eine sensorisch angepasste Umgebung den messbaren Stress bei der Zahnreinigung deutlich. Dazu gehörten gedimmtes Licht, ruhige Geräusche und Musik, langsame Lichtprojektionen an der Decke und ein umhüllendes Tuch, das ein beruhigendes Druckgefühl erzeugt. Die Vorbereitung dauerte dadurch nicht wesentlich länger.
Hilfreich sind außerdem einfache, klare Informationen. Fachleute aus Zahnärzteschaft und Behindertenverbänden fordern mehr Leichte Sprache und Bildmaterial, damit Patienten besser verstehen, was auf sie zukommt. Fotos vom Behandlungszimmer und vom Scanner, die man vorher zu Hause anschauen kann, machen den Ablauf vertrauter. Erzählen Sie der Praxis vorab, was in früheren Terminen gut funktioniert hat und was nicht.
Was zahlt die Krankenkasse beim digitalen Abdruck?
Der Scan selbst ist keine eigene Leistung, die die Kasse wegen einer Behinderung zusätzlich übernimmt. Die zahnärztliche Gebührenordnung GOZ kennt für die optisch-elektronische Abformung eine eigene Position, die je Kieferhälfte oder Frontzahnbereich berechnet wird. Ob und in welcher Höhe für Sie als Kassenpatient zusätzliche Kosten entstehen, hängt von der geplanten Versorgung und davon ab, wie die Praxis abrechnet. Lassen Sie sich das vorher im Heil- und Kostenplan oder in einem Kostenvoranschlag zeigen.
Unabhängig vom Scanner haben Versicherte mit einem Pflegegrad oder mit Anspruch auf Eingliederungshilfe nach § 22a SGB V zusätzliche Vorsorgeleistungen: eine Erhebung der Mundgesundheit, Aufklärung zur Mundhygiene, einen persönlichen Pflegeplan für Mund und Zahnersatz und die Entfernung harter Beläge. Pflegepersonen sollen dabei einbezogen werden. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag zur Zahnbehandlung bei Behinderung oder Pflegebedarf.
Wenn Sie eine Praxis mit digitalem Scanner suchen, können Sie über die Suche eine Partnerpraxis in Ihrer Nähe finden und bei der Terminanfrage gleich angeben, welche Unterstützung Sie brauchen.
Ist ein Intraoralscanner für alle Menschen mit Behinderung geeignet?
Nein. Viel Speichel, eine eingeschränkte Mundöffnung oder starke Bewegungen können den Scan erschweren. Bei zahnlosen Kiefern ist der klassische Abdruck manchmal genauer. Für viele Patienten ist der Scan aber leichter auszuhalten, weil er sich in kurze Abschnitte mit Pausen aufteilen lässt.
Hilft der Scanner bei starkem Würgereiz?
In Studien mit Kindern und Erwachsenen wurde der Würgereiz beim Scan meist als geringer empfunden als beim Abdruck mit Masse. Die Scannerspitze kann im hinteren Mundbereich trotzdem unangenehm sein. Sprechen Sie vorher ein Pausenzeichen ab.
Gibt es Studien speziell zu Menschen mit Behinderung?
Bisher kaum. Die meisten Vergleichsstudien haben Menschen mit Behinderung ausdrücklich ausgeschlossen. Die Vorteile sind aus Sicht der Behindertenzahnmedizin plausibel, wissenschaftlich belegt sind sie für diese Gruppe aber noch nicht.
Zahlt die Kasse den digitalen Abdruck?
Eine zusätzliche Kassenleistung wegen einer Behinderung gibt es dafür nicht. Ob für Sie Mehrkosten entstehen, hängt von der geplanten Versorgung und der Abrechnung der Praxis ab. Lassen Sie sich das vorher im Heil- und Kostenplan oder in einem Kostenvoranschlag zeigen.
Wie bereite ich einen Angehörigen mit Autismus auf den Scan vor?
Zeigen Sie vorher Fotos von Praxis und Scanner und bitten Sie um einen kurzen Kennenlerntermin. Gedimmtes Licht, ruhige Geräusche und ein klares Pausenzeichen können helfen. Eine vertraute Begleitperson gibt zusätzlich Sicherheit.
- Serrano-Velasco D et al., Children: Comfort of Children and Adolescents in Digital and Conventional Full-Arch Impression Methods, Crossover Randomized Trial (2024)
- Serrano-Velasco D et al., Frontiers in Pediatrics: Intraoral scanners in children, systematic review (2023)
- Ramos-Morro OD et al., Frontiers in Oral Health: Patient perception, reliability and chairside time with intraoral scanners in adults, systematic review (2026)
- NHS Health Research Authority: The Application of Intraoral Scanners to Special Needs Dentistry (Studienregister, abgerufen 2026)
- zm Zahnärztliche Mitteilungen: Wie man autistische Kinder auf die Zahnbehandlung vorbereitet (2023)
- zm Zahnärztliche Mitteilungen: Wie lässt sich die zahnmedizinische Versorgung von Menschen mit Beeinträchtigungen barrierefreier gestalten? (2026)
- ZWP online: Tipps zur GOZ 0065, optisch-elektronische Abformung (2024)
- Bundesministerium der Justiz: § 22a SGB V, Verhütung von Zahnerkrankungen bei Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen (Stand 2026)
Hinweis: Dieser zahnmedizinische Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern.
Er ist kein Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.