Wie CAD/CAM-Technik und 3D-Druck bei Amelogenesis imperfecta oder ektodermaler Dysplasie eingesetzt werden, was die Leitlinie dazu sagt und was die Krankenkasse übernimmt.
CAD/CAM-Technik und 3D-Druck können bei seltenen genetischen Zahnerkrankungen wie Amelogenesis imperfecta, Dentinogenesis imperfecta oder ektodermaler Dysplasie helfen, Kronen, Provisorien und Kinderprothesen passgenau und in vergleichsweise wenigen Sitzungen herzustellen. Sie sind aber Werkzeuge und keine eigene Therapie. Die Studienlage zu digitalen Verfahren bei diesen Erkrankungen ist dünn, und die gesetzliche Krankenkasse übernimmt die Kosten meist nur teilweise.
Eine Mutter kam mit ihrer neunjährigen Tochter in die Sprechstunde und hatte einen Zeitungsartikel über Zahnersatz aus dem 3D-Drucker dabei. Ihre Frage war schlicht: „Ist das die Lösung für ihre Zähne?“ Das Mädchen hat eine Amelogenesis imperfecta, der Schmelz an den ersten bleibenden Backenzähnen bröckelt, seit sie durchgebrochen sind.
Die ehrliche Antwort lautete: Die Technik kann manches leichter machen. Entscheidend bleibt aber ein Behandlungsplan, der über viele Jahre trägt. Dieser Beitrag erklärt, wo digitale Verfahren ihren Platz haben und wo ihre Grenzen liegen.
Was bedeuten CAD/CAM und 3D-Druck in der Zahnmedizin?
CAD/CAM steht für computergestütztes Konstruieren und Fertigen. Am Anfang steht meist ein digitaler Abdruck: Ein Intraoralscanner erfasst Zähne und Kiefer optisch, statt dass ein Löffel mit Abformmasse in den Mund gesetzt wird. Am Bildschirm wird anschließend die Krone, das Provisorium oder die Prothese konstruiert. Wie der Scan abläuft, lesen Sie im Beitrag über den digitalen Zahnabdruck mit dem Intraoralscanner.
Für die Fertigung gibt es zwei Wege. Beim Fräsen wird die Arbeit aus einem vorgefertigten Block herausgeschliffen, etwa aus Zirkonoxid, Keramik oder Kunststoff. Beim 3D-Druck entsteht sie Schicht für Schicht aus einem flüssigen Kunstharz, das mit Licht ausgehärtet wird. Beide Verfahren können direkt in der Praxis oder im zahntechnischen Labor stehen. Einen Überblick gibt der Beitrag zur CAD/CAM-Technologie beim Zahnersatz.
Welche genetischen Zahnerkrankungen sind gemeint?
Mehr als 400 Krankheitsbilder können die Zähne betreffen. Die erste S3-Leitlinie zur Versorgung seltener, genetisch bedingter Zahnerkrankungen (AWMF-Register 083-048) konzentriert sich auf einige besonders wichtige: die Amelogenesis imperfecta, bei der der Zahnschmelz zu dünn oder zu weich angelegt ist, die Dentinogenesis imperfecta mit fehlgebildetem Zahnbein, die X-chromosomale Hypophosphatämie, die Hypophosphatasie, die ektodermale Dysplasie einschließlich zahlreicher fehlender Zähne (Oligodontie) und seltene Formen der Parodontitis.
So verschieden diese Erkrankungen sind, für die Versorgung haben sie etwas gemeinsam. Häufig ist das ganze Gebiss betroffen, die Behandlung beginnt im Kindesalter und begleitet die Betroffenen ein Leben lang. Zähne sind empfindlich, ungewöhnlich geformt, zu klein oder fehlen ganz. Standardlösungen passen hier selten, und genau deshalb liegt der Gedanke an individuell konstruierte Versorgungen nahe.
Was sagt die Leitlinie zu digitalen Verfahren?
Wer erwartet, dass die Leitlinie den 3D-Druck ausdrücklich empfiehlt, wird überrascht sein. Die Leitliniengruppe hat die Fachliteratur ausgewertet und fand nur sehr wenige Veröffentlichungen, die digitale Verfahren bei diesen Patientinnen und Patienten untersuchen. Im Ergebnisbericht heißt es, innovative Ansätze kämen in dieser Gruppe offenbar nur mit Verzögerung an. Auch insgesamt ist die Datenlage schmal: Klinische Studien gibt es fast nur zur Amelogenesis imperfecta, für die übrigen Erkrankungen stützen sich die Empfehlungen überwiegend auf Fallberichte.
Die Empfehlungen beschreiben deshalb, was gemacht werden sollte, nicht womit. Bei Amelogenesis imperfecta rät die Leitlinie etwa dazu, im jungen bleibenden Gebiss frühzeitig individuell hergestellte Einzelzahnkronen einzusetzen. Ob diese Kronen gefräst, gedruckt oder klassisch im Labor gefertigt werden, lässt sie offen. Das ist keine Absage an die Technik, sondern eine nüchterne Einordnung: Digitale Fertigung ist ein Weg zum Ziel, nicht das Ziel selbst.
Wie werden digitale Verfahren bei Amelogenesis imperfecta eingesetzt?
Ein ausführlich dokumentiertes Beispiel stammt aus Frankreich. Ein Team begleitete ein Mädchen mit hypokalzifizierter Amelogenesis imperfecta vom neunten bis zum neunzehnten Lebensjahr. Die Versorgung lief in Etappen, zunächst mit provisorischen Kunststoffkronen, die direkt in der Praxis gefräst wurden, später mit definitiven Kronen aus Zirkonoxid. Grundlage waren optische Abdrücke. Für den Unterkiefer gab es zusätzlich eine gedruckte Schiene gegen Zähneknirschen.
Als Vorteil beschreiben die Autoren, dass das Ergebnis in relativ wenigen Sitzungen erreicht wurde. Das zählt bei Kindern, die seit Jahren immer wieder auf dem Behandlungsstuhl sitzen. Sie nennen aber auch Grenzen: Die einzelnen Sitzungen waren lang, die Nachbeobachtung nach Abschluss betrug zwei Jahre, und als dauerhafte Risiken bleiben Karies unter den Kronen und Brüche der Keramik. Ein Detail ist aufschlussreich. Die Kronen wurden nicht adhäsiv geklebt, sondern konventionell zementiert, weil die Haftung am veränderten Schmelz unsicher war. Die moderne Fertigung ändert also nichts daran, dass die Besonderheiten der Erkrankung die Planung bestimmen.
Was ist bei Kindern mit ektodermaler Dysplasie möglich?
Bei der ektodermalen Dysplasie fehlen oft viele Zähne, die vorhandenen sind häufig klein und spitz geformt. Die Leitlinie empfiehlt, Kindern mit sehr vielen oder allen fehlenden Zähnen schon im Milch- und Wechselgebiss eine Prothese anzufertigen, sobald sie ausreichend mitarbeiten können. Weil der Kiefer wächst, sollen diese Kinderprothesen regelmäßig kontrolliert und angepasst oder neu hergestellt werden.
Hier liegt ein praktischer Vorteil digitaler Daten. Ist die Konstruktion gespeichert, lässt sich eine Prothese leichter erneut fertigen. Das betonen auch die Autoren eines Fallberichts über einen jungen Erwachsenen mit ektodermaler Dysplasie, der vollständig digital mit gedruckten Prothesen versorgt wurde. Sie räumen zugleich ein, dass Langzeitdaten fehlen und es für diese Patientengruppe kein etabliertes prothetisches Behandlungsprotokoll gibt.
Ein Fallbericht aus der Schweiz beschreibt einen dreieinhalbjährigen Jungen mit Verdacht auf ektodermale Dysplasie. Seine Frontzähne erhielten gedruckte Teilkronen aus einem Hybridkomposit, ohne dass Zahnsubstanz abgetragen oder betäubt werden musste. Die Eltern berichteten, dass er danach besser sprechen und kauen konnte. Auch das ist ein Einzelfall, wie lange solche Versorgungen halten, ist offen. Für die Zeit nach dem Wachstum empfiehlt die Leitlinie, möglichst viele Wege offen zu halten, und verweist für Implantate auf eine eigene Leitlinie zu Implantatversorgungen bei multiplen Zahnnichtanlagen und Syndromen.
Unser Tipp:
Fragen Sie bei der Planung nicht zuerst nach der Technik, sondern nach dem Konzept: Welche Versorgung ist für die nächsten Jahre vorgesehen, was wird zunächst provisorisch gelöst und wann folgt die definitive Lösung? Bitten Sie außerdem darum, dass Scans und Konstruktionsdaten aufbewahrt werden. Gerade bei Kinderprothesen, die dem Wachstum folgen müssen, erleichtert das spätere Neuanfertigungen.
Welche Vorteile und Grenzen haben gefräste und gedruckte Versorgungen?
Aus den Fallberichten lassen sich einige Vorteile ablesen, die für Menschen mit seltenen Zahnerkrankungen besonders zählen. Der optische Abdruck kommt ohne Abformlöffel aus, was bei kleinen Kindern oder sehr empfindlichen Zähnen angenehmer sein kann. Provisorien und definitive Arbeiten lassen sich aus denselben Daten ableiten, sodass sich eine geplante Form zunächst im Mund ausprobieren lässt. Und digitale Daten können archiviert werden, was bei einer Behandlung über viele Jahre hilfreich ist.
Die Grenzen gehören ebenso dazu. In den beschriebenen Fällen wurden dauerhafte Kronen gefräst, gedruckt wurden vor allem Provisorien, Schienen, Prothesen und bei dem kleinen Jungen Teilkronen. Wie lange gedruckte Versorgungen bei diesen Erkrankungen halten, ist kaum untersucht. Keine Fertigungsmethode löst außerdem das Grundproblem, dass etwa weicher Schmelz ein schlechter Haftgrund ist. Wie der 3D-Druck beim Zahnersatz allgemein funktioniert, erklärt der Beitrag über Zahnersatz aus dem 3D-Drucker.
Was zahlt die Krankenkasse bei genetischen Zahnerkrankungen?
Ob eine Krone gefräst oder gedruckt wird, ist für die Kostenübernahme in der Regel unerheblich. Entscheidend ist, um welche Leistung es geht. Für Zahnersatz zahlt die gesetzliche Krankenkasse einen befundbezogenen Festzuschuss. Er beträgt nach § 55 SGB V 60 Prozent der Regelversorgung, mit nachgewiesener regelmäßiger Vorsorge 70 oder 75 Prozent. Wie das im Einzelnen funktioniert, erklärt der Beitrag zum Festzuschuss beim Zahnersatz.
Genau hier liegt das Problem für viele Familien. Der Ergebnisbericht zur Leitlinie stellt fest, dass es keine Sonderregelungen für eine weitergehende Kostenübernahme bei diesen Erkrankungen gibt. Die Eigenanteile können demnach mitunter mehrere zehntausend Euro erreichen, die Autoren sprechen von einer Versorgungslücke in der gesetzlichen Krankenversicherung. Bei geringem Einkommen sieht § 55 SGB V eine Härtefallregelung vor, bei der die Kasse zusätzlich einen Betrag von 40 Prozent der Regelversorgung übernimmt, höchstens bis zu den tatsächlichen Kosten.
Implantate sind grundsätzlich keine Kassenleistung. § 28 SGB V lässt Ausnahmen nur für vom Gemeinsamen Bundesausschuss festgelegte Ausnahmeindikationen „für besonders schwere Fälle“ zu. Dazu gehören angeborene Fehlbildungen des Kiefers, ausdrücklich genannt sind Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten und ektodermale Dysplasien. Dann erbringt die Kasse die Implantate einschließlich der Suprakonstruktion als Sachleistung im Rahmen einer medizinischen Gesamtbehandlung. Für Amelogenesis oder Dentinogenesis imperfecta ist eine solche Ausnahme nicht vorgesehen. Mehr dazu lesen Sie unter Implantate als Kassenleistung. Lassen Sie vor jeder größeren Versorgung einen Heil- und Kostenplan erstellen und bei der Kasse einreichen.
Wie finden Betroffene die passende Betreuung?
Seltene Erkrankungen bedeuten, dass auch erfahrene Zahnärztinnen und Zahnärzte nur wenige Betroffene sehen. Die Leitlinie empfiehlt eine interdisziplinäre, möglichst früh beginnende und lebenslange Betreuung mit intensiver, am Risiko orientierter Prophylaxe. Besteht klinisch und im Röntgenbild der Verdacht auf eine genetische Ursache, soll in der Regel eine humangenetische Diagnostik erfolgen. Im Alltag heißt das oft: Die Gesamtplanung entsteht gemeinsam mit einer Universitätszahnklinik oder einem spezialisierten Zentrum, Prophylaxe und Kontrollen laufen in einer Praxis in Wohnortnähe.
Wenn Sie eine Praxis suchen, die digital arbeitet, fragen Sie ruhig nach, ob ein Intraoralscanner vorhanden ist und mit welchem Labor zusammengearbeitet wird. Über die Zahnarztsuche können Sie eine Partnerpraxis in Ihrer Nähe finden und dort einen Beratungstermin anfragen.
Zahlt die Krankenkasse Zahnersatz aus dem 3D-Drucker bei Amelogenesis imperfecta?
Die Kasse richtet sich nicht nach der Fertigungsmethode, sondern nach dem Befund. Für Zahnersatz gibt es einen Festzuschuss, der 60 Prozent der Regelversorgung beträgt, mit Bonusheft 70 oder 75 Prozent. Sonderregelungen für genetische Zahnerkrankungen gibt es laut Ergebnisbericht zur Leitlinie nicht, die Eigenanteile können daher hoch sein.
Sind digitale Verfahren bei seltenen Zahnerkrankungen besser als herkömmliche?
Das lässt sich derzeit nicht belegen. Die Leitliniengruppe fand nur sehr wenige Veröffentlichungen zu digitalen Verfahren bei diesen Erkrankungen. Fallberichte zeigen Vorteile wie weniger Sitzungen und leichtere Neuanfertigung, Langzeitdaten fehlen aber.
Ab wann kann ein Kind mit ektodermaler Dysplasie eine Prothese bekommen?
Die Leitlinie empfiehlt Kinderprothesen schon im Milch- und Wechselgebiss, sobald das Kind ausreichend mitarbeiten kann. Wegen des Kieferwachstums müssen sie regelmäßig kontrolliert, angepasst oder neu angefertigt werden. Gespeicherte digitale Daten können diese Neuanfertigungen erleichtern.
Übernimmt die Kasse Implantate bei ektodermaler Dysplasie?
Ektodermale Dysplasien gehören zu den angeborenen Fehlbildungen des Kiefers, die der Gemeinsame Bundesausschuss als Ausnahmeindikation für Implantate festgelegt hat. Dann übernimmt die Kasse die Implantate einschließlich der Suprakonstruktion im Rahmen einer medizinischen Gesamtbehandlung. Lassen Sie sich vor Behandlungsbeginn beraten und einen Behandlungsplan bei der Kasse einreichen.
Wie lange halten gefräste oder gedruckte Kronen bei genetischen Zahnerkrankungen?
Dazu gibt es kaum belastbare Daten. In einem gut dokumentierten Fall mit Zirkonoxidkronen bei Amelogenesis imperfecta traten in den ersten zwei Jahren keine Probleme auf. Als Risiken bleiben Karies unter den Kronen und Keramikbrüche, deshalb sind regelmäßige Kontrollen wichtig.
Hinweis: Dieser zahnmedizinische Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern.
Er ist kein Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.