Welche Veränderungen im Mund bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen auftreten können, warum das Parodontitisrisiko steigt und worauf Sie bei Zahnpflege und Zahnarztbesuch achten sollten.
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa können sich auch im Mund zeigen, am häufigsten durch wiederkehrende Aphthen. Beim Morbus Crohn gibt es zusätzlich typische Veränderungen wie geschwollene Lippen oder eine pflastersteinartige Schleimhaut. Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen haben außerdem häufiger Parodontitis, und manche Medikamente wirken sich auf die Mundgesundheit aus.
Eine Patientin mit seit Jahren bekanntem Morbus Crohn erwähnte bei der Kontrolle fast nebenbei, dass sie im Schub regelmäßig wunde Stellen im Mund bekomme und dann kaum essen könne. Sie hatte das nie angesprochen, weil sie dachte, das habe mit den Zähnen nichts zu tun.
Doch genau solche Hinweise sind für die Zahnarztpraxis wertvoll. Mund und Darm gehören zum selben Verdauungssystem, und vieles, was im Darm passiert, kann sich an Schleimhaut, Zahnfleisch und Zähnen bemerkbar machen.
Was haben Darmerkrankungen mit dem Mund zu tun?
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, abgekürzt CED. Sie verlaufen meist in Schüben, mit Bauchschmerzen, Durchfällen und oft Gewichtsverlust. In Deutschland sind nach Angaben in der Fachliteratur etwa 100 bis 200 von 100.000 Menschen an Morbus Crohn und etwa 160 bis 200 von 100.000 an Colitis ulcerosa erkrankt.
Die Mundhöhle kann auf mehreren Wegen betroffen sein. Beim Morbus Crohn kann die Entzündung selbst in der Mundschleimhaut auftreten. Bei beiden Erkrankungen können außerdem Begleitreaktionen des Immunsystems, Mangelzustände durch die gestörte Nährstoffaufnahme und Nebenwirkungen von Medikamenten den Mund beeinflussen. Wie oft das vorkommt, wird sehr unterschiedlich angegeben: Eine Übersichtsarbeit nennt bei Erwachsenen mit CED Werte zwischen 0,7 und 37 Prozent, bei Kindern zwischen 7 und 23 Prozent, bei Kindern mit Morbus Crohn bis zu 41 Prozent.
Welche Mundveränderungen sind bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa typisch?
Am häufigsten sind Aphthen, also schmerzhafte, rundliche Schleimhautdefekte mit weißlichem Belag und gerötetem Rand. Bei CED treten sie oft in Gruppen auf, können größer sein als gewöhnliche Aphthen und länger bestehen. Ebenfalls unspezifisch, aber häufig sind eingerissene Mundwinkel, Mundtrockenheit, Mundgeruch, Geschmacksveränderungen und eine glatte, gerötete Zunge.
Daneben gibt es Veränderungen, die eher für den Morbus Crohn sprechen. Dazu zählen eine pflastersteinartig gefältelte Wangenschleimhaut, kleine Schleimhautfalten oder Anhängsel, tiefe, längliche Geschwüre in der Umschlagfalte und dauerhaft geschwollene Lippen. Feingeweblich zeigt sich dann oft eine sogenannte granulomatöse Entzündung. Die seltene Pyostomatitis vegetans mit vielen kleinen Pusteln auf geröteter Schleimhaut wird dagegen häufiger bei Colitis ulcerosa beobachtet. Eine sichere Zuordnung ist nur durch Untersuchung, bei Bedarf mit Gewebeprobe, möglich.
Können Beschwerden im Mund das erste Anzeichen einer CED sein?
Ja, das kommt vor. Nach einer Übersichtsarbeit zeigten sich Mundveränderungen bei etwa 13 bis 21 Prozent der untersuchten Fälle schon vor der Diagnose der Darmerkrankung. Die Zahnärztlichen Mitteilungen beschrieben 2022 einen 24-jährigen Mann, der wegen zweier schmerzhafter, seit Wochen bestehender Stellen im Unterkiefer überwiesen wurde. Erst die gezielte Nachfrage ergab jahrelange Bauchschmerzen, Durchfälle und Gewichtsverlust. Gewebeprobe, Magen- und Darmspiegelung bestätigten einen Morbus Crohn.
Das heißt nicht, dass hinter jeder Aphthe eine Darmerkrankung steckt. Meist findet sich gar keine Ursache. Lassen Sie Veränderungen im Mund aber abklären, wenn sie nach zwei Wochen nicht besser werden, immer wiederkehren, sehr groß oder zahlreich sind oder zusammen mit Fieber, Gelenkschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden auftreten. Eine lange bestehende, nicht heilende Wunde sollte auch deshalb untersucht werden, weil sie selten ein Hinweis auf eine bösartige Veränderung sein kann. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag über Früherkennung von Mundkrebs.
Haben Menschen mit CED häufiger Parodontitis?
Die Datenlage spricht deutlich dafür. Eine 2025 veröffentlichte Metaanalyse mit 13 Studien und rund 9.100 Patientinnen und Patienten fand bei Morbus Crohn wie bei Colitis ulcerosa eine etwa vier- bis viereinhalbfach erhöhte Chance auf eine Parodontitis. Zwischen den beiden Erkrankungen gab es keinen nennenswerten Unterschied. Die Autoren empfehlen, bei Menschen mit CED gezielt nach Parodontitis zu schauen.
Ein solcher Zusammenhang beweist noch nicht, dass die eine Erkrankung die andere verursacht. Plausibel ist, dass die gemeinsame Neigung zu überschießenden Entzündungen, Medikamente und eine im Schub erschwerte Mundpflege zusammenwirken. Rauchen verschlechtert beides zusätzlich. Die systematische Behandlung der Parodontitis ist seit Juli 2021 in einer eigenen Richtlinie geregelt und Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung, mit einer strukturierten Nachsorge über zwei Jahre nach der aktiven Behandlung. Wie die Behandlung abläuft, erklärt der Beitrag zur Parodontitis.
Wie wirken sich CED-Medikamente auf Mund und Zähne aus?
Die Medikamente sind für die Kontrolle der Darmerkrankung unverzichtbar, einige haben aber Folgen, die die Zahnarztpraxis kennen sollte. Kortison kann bei längerer oder hoch dosierter Einnahme Pilzinfektionen im Mund begünstigen und die Knochendichte verringern, auch im Kiefer. Wie ein Mundsoor aussieht und behandelt wird, lesen Sie im Beitrag über Pilzinfektionen im Mund. Immunsuppressiva wie Azathioprin oder 6-Mercaptopurin können die Blutbildung beeinträchtigen, wodurch Blutungs- und Infektionsrisiko steigen. Methotrexat kann wunde Stellen im Mund verursachen.
Für Mesalazin und Sulfasalazin wurden Schleimhautreaktionen beschrieben, die wie ein Lichen planus aussehen, Metronidazol kann den Geschmack verändern. Hinzu kommen Mangelzustände: Bei ausgedehnter Erkrankung des Dünndarms kann die Aufnahme von Vitaminen und Mineralstoffen gestört sein, ein Vitamin-B12-Mangel gilt als möglicher Auslöser von Aphthen. Ändern Sie Ihre Medikamente bitte nie auf eigene Faust. Wenn Sie Veränderungen im Mund bemerken, besprechen Sie das mit Ihrer Gastroenterologin oder Ihrem Gastroenterologen.
Unser Tipp:
Bringen Sie zu jedem Zahnarzttermin eine aktuelle Medikamentenliste mit und sagen Sie dazu, ob Sie gerade einen Schub haben. Planbare Behandlungen lassen sich so in eine ruhige Phase legen. Notieren Sie außerdem, wann Aphthen auftreten. Ein solches Tagebuch hilft Ihrer Zahnärztin und Ihrem Gastroenterologen, Zusammenhänge zu erkennen.
Worauf achtet die Zahnarztpraxis bei der Behandlung?
Grundsätzlich können Menschen mit CED ganz normal zahnärztlich behandelt werden. Kontrollen und einfache Behandlungen sind in der Regel unproblematisch. Planbare Eingriffe werden möglichst in eine Phase gelegt, in der die Erkrankung ruhig ist, während eines akuten Schubs beschränkt man sich auf das Dringende. Vor größeren Eingriffen wie einer tiefen Zahnfleischreinigung oder chirurgischen Behandlungen stimmt sich die Praxis bei instabiler Erkrankung oder unter Immunsuppressiva unter Umständen mit den behandelnden Ärzten ab, etwa wegen des Blutbildes.
Auch bei Schmerzmitteln ist Absprache sinnvoll, weil manche entzündungshemmenden Schmerzmittel bei CED als ungünstig gelten. Fragen Sie vor der Einnahme Ihre Ärztin oder Ihren Arzt, welches Mittel für Sie geeignet ist. Eine vorbeugende Antibiotikagabe ist allein wegen einer CED meist nicht nötig, bei langfristiger Kortison- oder Immunsuppressiva-Therapie wird sie im Einzelfall abgewogen.
Was hilft bei Aphthen und wunder Mundschleimhaut?
Ein Mittel, das Aphthen sofort verschwinden lässt, gibt es nicht. Kleine Aphthen heilen meist innerhalb von ein bis zwei Wochen ab, größere können Wochen brauchen. Gegen die Schmerzen helfen örtlich aufgetragene schmerzlindernde und entzündungshemmende Gele, Cremes oder Spülungen. Welche für Sie passen, besprechen Sie am besten in der Praxis oder mit Ihrem Arzt. Bei häufigen, starken Beschwerden kann eine ärztlich verordnete Kortisonbehandlung infrage kommen.
Im Alltag hilft eine weiche Zahnbürste, dazu der Verzicht auf alkoholhaltige Mundspülungen und auf Zahnpasten mit Natriumlaurylsulfat. Harte, scharfe oder saure Speisen reizen die wunde Schleimhaut zusätzlich. Bei CED lohnt sich vor allem die enge Abstimmung mit der Gastroenterologie. Im erwähnten Fallbericht heilten die Mundveränderungen unter der Therapie der Darmerkrankung vollständig ab. Ob und wie stark Mund und Darm im Einzelfall zusammenhängen, ist allerdings unterschiedlich.
Wie pflegen Sie Zähne und Zahnfleisch mit CED richtig?
Putzen Sie zweimal täglich zwei Minuten mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta, am Abend als letzten Schritt vor dem Schlafengehen, und reinigen Sie täglich die Zahnzwischenräume. Leiden Sie unter Mundtrockenheit, kann eine Zahnpasta mit höherem Fluoridgehalt sinnvoll sein, das klären Sie in der Praxis. Nach Erbrechen im Schub kann eine fluoridhaltige Mundspülung den Zahnschmelz unterstützen. Achten Sie, so gut es geht, auf eine ausgewogene Ernährung mit wenig Zucker, gerade in Phasen, in denen Sie nur bestimmte Lebensmittel vertragen.
Regelmäßige Kontrollen sind bei CED besonders sinnvoll, weil Zahnfleischprobleme so früh erkannt werden. Eine professionelle Zahnreinigung kann die häusliche Pflege ergänzen, ob Ihre Kasse etwas dazugibt, erfahren Sie im Vergleich der Zuschüsse zur Zahnreinigung. Eine Praxis, die sich Zeit für Ihre Vorgeschichte nimmt, können Sie über die Suche nach einer Partnerpraxis in Ihrer Nähe finden.
Sind Aphthen typisch für Morbus Crohn?
Aphthen sind die häufigste Mundveränderung bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, kommen aber auch bei vielen gesunden Menschen vor. Typischer für Morbus Crohn sind etwa geschwollene Lippen, eine pflastersteinartige Schleimhaut oder tiefe, längliche Geschwüre. Eine sichere Zuordnung ist nur durch eine Untersuchung möglich.
Können Mundveränderungen vor der Darmerkrankung auftreten?
Ja, laut einer Übersichtsarbeit zeigten sie sich bei etwa 13 bis 21 Prozent der Fälle schon vor der Diagnose. Hält eine Wunde im Mund länger als zwei Wochen an oder kommen Magen-Darm-Beschwerden hinzu, sollten Sie sie abklären lassen.
Haben Menschen mit CED ein höheres Parodontitisrisiko?
Eine Metaanalyse von 2025 fand bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa eine etwa vierfach erhöhte Chance auf Parodontitis. Regelmäßige Kontrollen und eine gründliche Pflege der Zahnzwischenräume sind deshalb besonders wichtig. Die systematische Parodontitistherapie ist eine Kassenleistung.
Muss ich meine CED-Medikamente vor einer Zahnbehandlung absetzen?
Nein, setzen Sie Medikamente nie eigenmächtig ab. Informieren Sie die Zahnarztpraxis über alle Medikamente, damit sie bei größeren Eingriffen gegebenenfalls Rücksprache mit Ihren behandelnden Ärzten halten kann. Planbare Behandlungen werden möglichst in eine ruhige Krankheitsphase gelegt.
Welche Zahnpasta ist bei CED geeignet?
Empfohlen wird eine fluoridhaltige Zahnpasta, bei empfindlicher Schleimhaut möglichst ohne Natriumlaurylsulfat. Bei Mundtrockenheit kann eine Zahnpasta mit höherem Fluoridgehalt sinnvoll sein. Lassen Sie sich dazu in Ihrer Praxis beraten.
Hinweis: Dieser zahnmedizinische Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern.
Er ist kein Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.