Wenn ein Zahn nur beim Fliegen oder Tauchen schmerzt, verrät er meist ein verstecktes Problem. Was hinter der Barodontalgie steckt und wie Sie vorbeugen.
Zahnschmerzen, die beim Fliegen oder Tauchen auftreten, heißen Barodontalgie. Der Druckwechsel macht einen gesunden Zahn nicht krank. Er bringt aber vorhandene Probleme ans Licht, etwa eine undichte Füllung, Karies, einen entzündeten Zahnnerv oder eine gereizte Kieferhöhle. Deshalb sollte ein solcher Schmerz nach der Reise zahnärztlich abgeklärt werden.
Typisch ist eine Situation wie diese: Ein Backenzahn, der seit Jahren Ruhe gegeben hat, meldet sich ausgerechnet im Landeanflug auf den Urlaubsort. Am Strand ist alles wieder gut, beim Rückflug kommt der Schmerz zurück. Wer so etwas erlebt, fragt sich zu Recht, was mit dem Zahn los ist.
Die Barodontalgie ist selten und kein Grund, auf Urlaubsreisen oder Tauchgänge zu verzichten. Sie ist aber ein ehrliches Warnsignal. Wer versteht, was dabei im Zahn passiert, kann vorbeugen und weiß, wann ein Termin fällig ist.
Warum schmerzt ein Zahn bei Druckänderungen?
Gas dehnt sich aus, wenn der Umgebungsdruck sinkt, und zieht sich zusammen, wenn er steigt. Im Flugzeug herrscht zwar ein künstlicher Kabinendruck, er entspricht laut Divers Alert Network aber etwa dem Luftdruck in 1.500 bis 2.400 Metern Höhe und liegt damit rund 15 bis 25 Prozent unter dem Druck auf Meereshöhe. Beim Tauchen ist es umgekehrt: Mit jedem Meter Wassertiefe steigt der Druck deutlich an.
Ein gesunder Zahn ist dicht und merkt davon nichts. Problematisch wird es, wenn sich unter einer alten Füllung, in einem kariösen Bereich oder unter einer gelockerten Krone ein winziger Hohlraum gebildet hat. Laut Divers Alert Network wird eingeschlossene Luft beim Abtauchen zusammengedrückt und dehnt sich beim Auftauchen wieder aus. Beides kann Schmerzen auslösen.
Ganz geklärt ist der Mechanismus nicht. Fachleute diskutieren auch Flüssigkeitsbewegungen in freiliegendem Zahnbein, die den Nerv reizen. Für Sie als Patient ist die Botschaft dieselbe: Der Zahn reagiert auf den Druck, weil er vorher schon nicht ganz in Ordnung war.
Was verrät der Druckschmerz über Ihren Zahn?
Eine Übersichtsarbeit im Journal of Aerospace Technology and Management nennt als Ursachen unter anderem kleine Hohlräume unter Füllungen, undichte Füllungen, Karies, eine Entzündung des Zahnnervs, Entzündungen an der Wurzelspitze, Zahnfleischtaschen und verlagerte Zähne. In der Fachliteratur gilt die Entzündung des Zahnnervs als häufigste Ursache, oft an Zähnen mit tiefen oder frischen Füllungen.
Interessant ist ein Fallbericht in der Zeitschrift Case Reports in Dentistry. Dort war ein Backenzahn bereits abgestorben, ohne dass der Patient etwas davon merkte. Erst im Flugzeug begann er zu schmerzen, und der Schmerz blieb nach der Landung bestehen. Geholfen hat schließlich eine Wurzelbehandlung.
Bleibt der Schmerz auch nach der Landung bestehen, wie in diesem Fall, kann das ein Hinweis auf eine tiefere Entzündung oder einen bereits geschädigten Nerv sein. Sicher sagen lässt sich das aber erst nach einer Untersuchung mit Kältetest und gegebenenfalls Röntgenbild. Mehr zur Entzündung des Zahnnervs lesen Sie im Ratgeber Pulpitis: Zahnnerventzündung.
Ist es der Zahn oder vielleicht die Kieferhöhle?
Gar nicht selten ist es nicht der Zahn, sondern die Kieferhöhle. Sie liegt direkt über den oberen Backenzähnen, und beide werden vom selben Nerv versorgt, dem Trigeminusnerv. Laut Divers Alert Network kann ein Druckschaden der Kieferhöhle deshalb Schmerzen in die oberen Backenzähne oder das Zahnfleisch derselben Seite ausstrahlen.
Das MSD Manual beschreibt typische Hinweise auf die Nebenhöhle: Mehrere Zähne einer Seite tun gleichzeitig weh, die Nase läuft, und der Schmerz wird stärker, wenn Sie den Kopf nach vorn beugen. Wer mit Schnupfen fliegt oder taucht, hat ein höheres Risiko, weil der Druckausgleich nicht richtig funktioniert. Divers Alert Network rät deshalb klar, mit verstopfter Nase nicht zu tauchen.
Für die Abklärung heißt das: Schmerzen nur in einem bestimmten Zahn, vor allem im Unterkiefer, sprechen eher für den Zahn. Schmerzen in mehreren oberen Zähnen mit Erkältungszeichen eher für die Kieferhöhle. Manchmal braucht es Zahnarzt und HNO-Arzt gemeinsam, um das sauber zu trennen.
Kann ein Zahn durch den Druck wirklich brechen?
Ja, das ist möglich, aber selten. Fachleute sprechen dann von einem dentalen Barotrauma. Darunter fallen Brüche von Zähnen oder Füllungen und herausfallende Füllungen bei Druckwechseln. Für das Zerbrechen eines Zahns im Flug gibt es sogar einen eigenen Begriff, die Odontokrexis, wörtlich etwa „Zahnexplosion“. Das klingt dramatischer, als es in der Regel ist.
Divers Alert Network schildert den Fall eines Tauchers, bei dem sich nach dem Auftauchen mehrere Füllungen lösten. Röntgenbilder zeigten danach beschädigte und fehlende Füllungen, nach der Neuversorgung war der Schmerz verschwunden. In dem Beitrag wird auch vermutet, dass zu festes Zubeißen auf das Mundstück mitgewirkt hat.
Zur Einordnung: In der Fachliteratur wird die Häufigkeit der Barodontalgie bei Flugpersonal, Passagieren und Tauchern mit etwa 0,3 bis 2,8 Prozent angegeben. Die meisten Menschen fliegen und tauchen also ihr Leben lang ohne Zahnprobleme.
Wann sofort zum Zahnarzt?
- Der Zahnschmerz bleibt nach der Landung oder dem Tauchgang bestehen oder wird stärker
- Ein Zahn, eine Füllung oder eine Krone ist gebrochen oder herausgefallen
- Wange oder Zahnfleisch schwellen an, eventuell mit Fieber
- Sie haben Blut im Mund und können nicht sagen, ob es aus Nase, Zahnfleisch oder Lunge kommt
Im Ausland hilft Ihnen die nächste Zahnarztpraxis oder Ihre Reiseleitung weiter. Bei Atemnot gilt die örtliche Notrufnummer, in der EU die 112.
Wie beugen Sie vor Flugreisen und Tauchgängen vor?
Die beste Vorbeugung ist unspektakulär: regelmäßige Kontrollen. Fachartikel empfehlen vor häufigen Druckwechseln eine gründliche zahnärztliche Untersuchung, das Behandeln von Karies und das Erneuern undichter Füllungen. Vor längeren Tauchreisen lohnt sich ein Termin einige Wochen vorher, damit Zeit für eine Behandlung bleibt. Was zur Kontrolle gehört, erklärt der Ratgeber Vorsorgeuntersuchungen beim Zahnarzt.
Laufende Behandlungen sollten Sie möglichst vor der Reise abschließen. Die Literatur rät, Druckwechsel zu vermeiden, bis alle nötigen Eingriffe fertig sind. Nach Angaben von Divers Alert Network empfiehlt der Weltzahnärzteverband FDI, innerhalb von 24 Stunden nach einer Behandlung mit Betäubung nicht zu tauchen. Nach chirurgischen Eingriffen wie dem Ziehen eines Zahns sind die Empfehlungen länger und nicht einheitlich, sie reichen von etwa einer Woche bis zu mehreren Wochen. Sprechen Sie die genaue Pause deshalb mit Ihrer Praxis oder Ihrer Tauchärztin ab.
Mit einem Provisorium oder einer offenen Wurzelbehandlung ist besondere Vorsicht geboten. Sagen Sie in der Praxis ruhig dazu, dass Sie bald fliegen oder tauchen möchten. Dann kann die Behandlung entsprechend geplant werden.
Was tun, wenn der Zahn unterwegs schmerzt?
Im Flugzeug können Sie wenig tun, außer ruhig zu bleiben. Der Schmerz lässt häufig nach, sobald der Druck wieder ausgeglichen ist. Ein rezeptfreies Schmerzmittel kann die Zeit überbrücken, mehr dazu im Ratgeber Schmerzmittel bei Zahnschmerzen.
Beim Tauchen ist ein Zahnschmerz kein Grund zur Panik, aber ein Grund, den Tauchgang kontrolliert zu beenden. Divers Alert Network warnt, dass plötzliche Schmerzen zu hastigen Aufstiegen und Fehlentscheidungen verleiten können. Tauchen Sie mit Schmerzen nicht weiter, bis der Zahn untersucht wurde.
Wenn der Schmerz im Urlaub nicht verschwindet, warten Sie nicht bis zur Heimreise. Wie die Behandlung im EU-Ausland mit der Gesundheitskarte funktioniert, steht im Ratgeber Zahnbehandlung im EU-Urlaub mit der EHIC. Wie dringend Ihr Fall ist, zeigt unser Notfall-Check: Wann zum Zahnarzt?.
Und wieder zu Hause gilt: Auch wenn der Zahn am Boden ruhig ist, lassen Sie ihn untersuchen. Über die DentNet-Zahnarztsuche finden Sie eine Partnerpraxis in Ihrer Nähe.
Kann man mit Zahnschmerzen fliegen?
Grundsätzlich ja, ein Flugverbot gibt es dafür nicht. Ein entzündeter oder undicht gefüllter Zahn kann beim Steigen und Sinken aber stärker schmerzen. Wenn Sie vor einer Reise Zahnschmerzen haben, lassen Sie den Zahn möglichst vorher untersuchen. Kurzfristig kann ein rezeptfreies Schmerzmittel die Flugzeit überbrücken, sofern nichts dagegen spricht.
Wie lange nach dem Zahnziehen darf ich tauchen?
Dafür gibt es keine einheitliche Frist. Divers Alert Network nennt in einem Beitrag etwa sieben Tage nach einem chirurgischen Eingriff, in einem anderen für unkomplizierte Extraktionen vier bis sechs Wochen, bis das Infektionsrisiko abgeklungen ist. Die Wunde muss gut verheilt sein. Klären Sie die genaue Pause mit Ihrer Zahnarztpraxis oder einer Tauchärztin.
Darf ich nach einer Zahnbehandlung direkt fliegen?
Nach einer einfachen Füllung spricht meist nichts gegen den Flug. Nach Eingriffen mit Betäubung, nach dem Zahnziehen oder während einer laufenden Wurzelbehandlung fragen Sie besser in Ihrer Praxis nach. Für Taucher empfiehlt der Weltzahnärzteverband FDI laut Divers Alert Network, 24 Stunden nach einer Behandlung mit Betäubung nicht zu tauchen.
Warum tun meine oberen Zähne beim Landen weh?
Schmerzen in mehreren oberen Backenzähnen beim Landeanflug kommen häufig aus der Kieferhöhle, besonders bei Schnupfen. Kieferhöhle und obere Zähne werden vom selben Nerv versorgt, deshalb fühlt sich der Druckschmerz wie Zahnschmerz an. Hält der Schmerz an oder betrifft er nur einen einzelnen Zahn, sollten Sie ihn zahnärztlich untersuchen lassen.
Kann eine Füllung beim Tauchen herausfallen?
Ja, bei undichten oder beschädigten Füllungen ist das möglich. Ist unter der Füllung Luft eingeschlossen, wird sie beim Abtauchen komprimiert und dehnt sich beim Auftauchen aus. Dabei können Füllungen sich lockern oder herausfallen. Regelmäßige Kontrollen helfen, solche Schwachstellen rechtzeitig zu entdecken.
Ist Barodontalgie gefährlich?
Der Schmerz selbst ist meist nicht gefährlich, aber er zeigt ein Problem an, etwa Karies, eine undichte Füllung oder einen entzündeten Zahnnerv. Beim Tauchen kann plötzlicher Schmerz zu einem zu schnellen Aufstieg verleiten, das ist das eigentliche Risiko. Lassen Sie den Zahn nach jedem solchen Ereignis untersuchen, auch wenn er am Boden ruhig ist.
Vor der nächsten Reise noch zur Kontrolle? Über die DentNet-Zahnarztsuche finden Sie eine Partnerpraxis in Ihrer Nähe.
Hinweis: Dieser zahnmedizinische Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern.
Er ist kein Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.