Zahnarzt trotz Stillen? In den meisten Fällen ist das gut möglich. Hier lesen Sie, was bei Betäubung, Röntgen, Schmerzmitteln und Antibiotika gilt, welche Behandlungen warten können und wie der Termin mit Baby gelingt.
Ja, eine Zahnbehandlung ist in der Stillzeit in aller Regel möglich. Nach Einschätzung von Embryotox, einem Beratungsangebot zu Arzneimitteln in Schwangerschaft und Stillzeit, kann das Betäubungsmittel Articain auch beim Stillen eingesetzt werden. Röntgenstrahlen gehen nicht in die Muttermilch über. Für Schmerzmittel und Antibiotika gibt es gut untersuchte Wirkstoffe, deren Auswahl Sie aber immer mit Ihrer Zahnärztin oder Ihrem Zahnarzt, Ihrer Ärztin oder der Apotheke absprechen sollten.
Leicht ist ein Zahnarzttermin in den Wochen nach der Geburt trotzdem nicht. Sie schlafen wenig, das Baby gibt den Takt vor, und die eigene Gesundheit rutscht schnell nach hinten. Dieser Ratgeber erklärt, worauf es bei Betäubung, Röntgen und Medikamenten ankommt, welche Behandlungen besser warten und wie Sie den Termin mit Baby gut organisieren.
Warum brauchen die Zähne nach der Schwangerschaft Aufmerksamkeit?
In der Schwangerschaft verändert sich der Hormonhaushalt, und das Zahnfleisch reagiert empfindlicher. Viele Frauen bemerken Zahnfleischbluten beim Putzen. Fachleute sprechen von einer Schwangerschaftsgingivitis, also einer hormonell verstärkten Zahnfleischentzündung. Nach Angaben der Bundeszahnärztekammer bildet sie sich nach der Geburt in der Regel zurück.
Ganz von allein erledigt sich das Thema aber nicht immer. Bleibt eine Zahnfleischentzündung lange unbehandelt, kann sie in eine Parodontitis übergehen, eine Entzündung des Zahnhalteapparats, die sich nicht mehr vollständig zurückbildet. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag zur Schwangerschaftsgingivitis.
Dazu kommt die Säure. Wer in der Schwangerschaft oft erbrechen musste oder Sodbrennen hatte, hat den Zahnschmelz womöglich stark belastet, denn Magensäure kann ihn anlösen. Diesen Vorgang nennt man Erosion. Häufige Zwischenmahlzeiten, vor allem säurehaltige Speisen und Getränke, erhöhen das Risiko zusätzlich.
Und dann ist da der Alltag mit Neugeborenem. Nachts wird gestillt, tagsüber schnell etwas gegessen, und das Zähneputzen am Abend fällt vor Müdigkeit kürzer aus. Das ist menschlich. Ein Kontrolltermin in den ersten Monaten nach der Geburt hilft, kleine Probleme früh zu erkennen.
Ist die örtliche Betäubung beim Stillen erlaubt?
Für die meisten Zahnbehandlungen genügt eine örtliche Betäubung, die Lokalanästhesie. Ein Wirkstoff, der dafür eingesetzt wird, ist Articain. Embryotox kommt zu dem Schluss, dass Articain, auch in Kombination mit Epinephrin (Adrenalin), in der Stillzeit indikationsgerecht angewendet werden kann.
Die Begründung ist gut nachvollziehbar. Nach einer Injektion in den Mund liegt die Halbwertszeit von Articain laut Embryotox bei etwa 25 Minuten. Das ist die Zeit, in der die Hälfte des Wirkstoffs im Körper abgebaut ist. Außerdem ist Articain zu einem großen Teil an Eiweiße im Blut gebunden. Systematische Studien zur Stillzeit gibt es zwar nicht, aufgrund dieser Eigenschaften rechnet Embryotox aber nicht mit einer nennenswerten Aufnahme durch den Säugling.
Was heißt das konkret? Eine Stillpause oder das Abpumpen und Verwerfen der Milch sieht Embryotox für Articain nicht vor. Wenn Sie vor der Spritze nervös sind, finden Sie Anregungen in unserem Ratgeber Angst vor der Spritze beim Zahnarzt.
Schadet Röntgen beim Zahnarzt der Muttermilch?
Die Sorge ist verständlich, lässt sich aber gut ausräumen. Röntgenstrahlen bleiben nicht im Körper und gehen auch nicht in die Milch über. Die Stilldatenbank e-lactancia, ein Projekt der spanischen Stillförderorganisation APILAM, stuft Röntgenuntersuchungen deshalb als mit dem Stillen vereinbar ein. Eine Wartezeit vor dem nächsten Anlegen ist danach nicht nötig.
Laut e-lactancia verändert Röntgenstrahlung auch den Spiegel von Prolaktin nicht, dem Hormon, das die Milchbildung anregt. Ob eine Aufnahme gebraucht wird, entscheidet Ihre Zahnärztin oder Ihr Zahnarzt im Einzelfall, etwa vor einer Wurzelbehandlung oder wenn ein Weisheitszahn Beschwerden macht. Wie moderne Aufnahmen funktionieren, erklärt unser Beitrag zum digitalen Röntgen.
Unser Tipp:
Legen Sie eine zweite Zahnbürste dorthin, wo Sie abends oder nachts stillen. So bleibt das Putzen auch an anstrengenden Tagen ein fester Teil der Routine. Wenn Ihr Zahnfleisch einige Wochen nach der Geburt immer noch blutet, lassen Sie es kontrollieren. Über die DentNet-Zahnarztsuche finden Sie eine Praxis in der Nähe und können online einen Termin anfragen.
Welche Schmerzmittel und Antibiotika sind in der Stillzeit möglich?
Nach einer Wurzelbehandlung oder dem Ziehen eines Zahns brauchen manche Patientinnen ein Schmerzmittel. Embryotox bezeichnet Ibuprofen und Paracetamol als Schmerzmittel der Wahl in der Stillzeit. Für Ibuprofen gibt es Messungen in der Muttermilch, die nur geringe Mengen zeigen, und in mehreren Untersuchungen traten bei gestillten Kindern keine Nebenwirkungen auf. Unter den entzündungshemmenden Schmerzmitteln, den sogenannten NSAR, ist Ibuprofen laut Embryotox zu bevorzugen.
Bitte nehmen Sie trotzdem nichts auf eigene Faust ein, auch wenn es rezeptfrei erhältlich ist. Sagen Sie in der Praxis und in der Apotheke, dass Sie stillen, und lassen Sie sich Wirkstoff und Einnahme erklären. Hintergründe finden Sie in unserem Ratgeber zu Schmerzmitteln bei Zahnschmerzen.
Bei einer bakteriellen Entzündung kann ein Antibiotikum nötig werden. Amoxicillin gehört laut Embryotox zu den Antibiotika der Wahl in der Stillzeit. Die meisten gestillten Kinder zeigen dabei keine Beschwerden. Welches Mittel in Ihrer Situation passt, entscheidet Ihre Zahnärztin oder Ihr Arzt. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag Antibiotika beim Zahnarzt.
Welche Zahnbehandlungen sollten Sie besser verschieben?
Notwendige Behandlungen wie Füllungen, Wurzelbehandlungen oder das Entfernen eines entzündeten Zahns sollten Sie nicht auf die Zeit nach dem Abstillen verschieben. Anders sieht es bei Eingriffen aus, die gut warten können. Zwei Beispiele:
- Amalgamfüllungen entfernen: Beim Legen und Entfernen von Amalgam entstehen kurzzeitig höhere Quecksilberbelastungen. Eine Kommission am Robert Koch-Institut empfahl deshalb, Amalgamfüllungen in Schwangerschaft und Stillzeit nicht zu entfernen, wenn kein dringender zahnärztlicher Grund besteht. Muss eine Füllung doch heraus, kann sie mit schonender Technik entfernt werden.
- Bleaching: Das Aufhellen der Zähne ist eine rein kosmetische Behandlung. Sie verlieren nichts, wenn Sie es auf die Zeit nach dem Abstillen legen und dann in Ruhe mit Ihrer Zahnärztin besprechen.
Und wenn ein Loch gefüllt werden muss? Neue Amalgamfüllungen sollen nach derselben Stellungnahme in der Stillzeit nicht gelegt werden. Als Alternative gibt es zahnfarbene Materialien, zum Beispiel Komposit, einen Kunststoff mit feinen Füllstoffen. Wie solche Füllungen gelegt werden und welche Kosten entstehen können, lesen Sie im Ratgeber Kompositfüllungen.
Wie klappt der Zahnarzttermin mit Baby?
Ein wenig Planung macht den Termin deutlich entspannter. Diese Punkte können helfen:
- Legen Sie den Termin möglichst direkt hinter eine Stillmahlzeit. Ein sattes Baby ist oft ruhiger.
- Fragen Sie bei der Terminvereinbarung, ob Sie Ihr Baby mitbringen können und ob eine Begleitperson im Wartezimmer bleiben darf.
- Sagen Sie gleich zu Beginn, dass Sie stillen. So kann die Praxis Betäubung und Medikamente passend auswählen.
- Bringen Sie eine Liste der Mittel mit, die Sie gerade einnehmen, auch Nahrungsergänzungen.
Viele Mütter fragen sich, ob sie vor dem Termin Milch abpumpen sollten. Embryotox hält Articain in der Stillzeit für anwendbar und nennt keine Stillpause. Ein Vorrat ist aus medizinischen Gründen deshalb meist nicht nötig. Praktisch kann er trotzdem sein, wenn eine längere Behandlung ansteht und jemand anderes das Baby in der Zwischenzeit füttern soll.
Können Eltern Karieskeime auf ihr Baby übertragen?
Zu den Bakterien, die mit Karies in Verbindung gebracht werden, gehört Streptococcus mutans. Eine Übersichtsarbeit mit Metaanalyse aus dem Jahr 2015 hat 36 Studien ausgewertet, in denen das Erbgut dieser Keime bei Kindern und ihren Bezugspersonen verglichen wurde. Die Autorinnen und Autoren fanden Hinweise, dass die Keime häufig von Bezugspersonen auf das Kind übergehen. Das betraf vor allem Mütter, wenn sie die Hauptbezugsperson waren.
Die Studienlage hat allerdings Grenzen. Alle eingeschlossenen Arbeiten waren Beobachtungsstudien, viele davon mit einem Risiko für Verzerrungen, und die Methoden unterschieden sich stark. Ob einzelne Gewohnheiten wie das Ablecken des Breilöffels oder des Schnullers das Kariesrisiko eines Kindes messbar erhöhen, lässt sich daraus nicht verlässlich ableiten. Ein schlechtes Gewissen brauchen Sie also nicht, wenn es schon passiert ist.
Unabhängig davon ist es sinnvoll, die eigenen Zähne gesund zu halten und Karies behandeln zu lassen. Wer mag, nimmt für das Baby einfach einen eigenen Löffel. Wann der erste Zahnarztbesuch für Ihr Kind ansteht, erklärt unser Ratgeber zum ersten Zahnarztbesuch mit Baby und Kleinkind.
Wann sollten Sie in die Zahnarztpraxis?
Manche Beschwerden sollten Sie nicht bis nach der Stillzeit aufschieben. Dazu gehören Zahnschmerzen, die nicht von selbst nachlassen, eine Schwellung an Wange oder Zahnfleisch und Zahnfleischbluten, das Wochen nach der Geburt noch anhält. Auch ein abgebrochener Zahn oder eine herausgefallene Füllung gehört in die Praxis, bevor daraus ein größeres Problem wird.
Kommen Fieber, eine dicke Backe oder Schwierigkeiten beim Schlucken und Mundöffnen hinzu, lassen Sie sich bitte zeitnah untersuchen, außerhalb der Sprechzeiten auch im zahnärztlichen Notdienst. Was dahintersteckt, lässt sich nur in der Praxis klären. Über die DentNet-Zahnarztsuche finden Sie eine Zahnarztpraxis in Ihrer Nähe.
Muss ich der Zahnarztpraxis sagen, dass ich stille?
Ja, das ist sinnvoll. Die Information hilft Ihrer Zahnärztin oder Ihrem Zahnarzt, Betäubung, Schmerzmittel und gegebenenfalls ein Antibiotikum passend auszuwählen. Erwähnen Sie auch, welche Mittel Sie zurzeit einnehmen.
Wie lange sollte ich nach dem Erbrechen mit dem Zähneputzen warten?
Die Bundeszahnärztekammer empfiehlt bei Übelkeit oder Reflux, idealerweise etwa eine halbe Stunde zu warten, bevor Sie die Zähne putzen. Magensäure kann den Zahnschmelz anlösen, und direktes Schrubben belastet die Oberfläche dann zusätzlich. Eine milde Zahnpasta und eine Bürste mit kleinem Kopf können angenehmer sein.
Darf mein Baby mit ins Behandlungszimmer?
Das handhaben Praxen unterschiedlich. Fragen Sie am besten schon bei der Terminvereinbarung nach. Oft ist es entspannter, wenn eine Begleitperson das Baby im Wartezimmer betreut.
Ist eine professionelle Zahnreinigung in der Stillzeit sinnvoll?
Eine professionelle Zahnreinigung kommt ohne Medikamente aus und entfernt Beläge, die das Zahnfleisch reizen. Die Bundeszahnärztekammer empfiehlt sie bei anhaltender Zahnfleischentzündung bereits in der Schwangerschaft. Wenn das Zahnfleisch nach der Geburt weiter blutet, ist sie ein guter Anlass für einen Kontrolltermin.
Kann ein Antibiotikum meinem gestillten Baby Beschwerden machen?
Bei Amoxicillin zeigen die meisten gestillten Kinder nach Angaben von Embryotox keine Symptome. Gelegentlich kann das Antibiotikum die Darmflora des Kindes beeinflussen, dann sind vorübergehender Durchfall oder ein Pilzbefall im Mund möglich. Fällt Ihnen so etwas auf, sprechen Sie mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt.
Hinweis: Dieser zahnmedizinische Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern.
Er ist kein Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.