Trockener Mund, Gesichtsschmerzen, Schluckprobleme, nachlassende Kraft in den Händen: Was MS für die Zähne bedeuten kann und wie Mundpflege und Zahnarztbesuch trotzdem gut gelingen.
Multiple Sklerose greift die Zähne nicht direkt an. Sie kann aber die Mundgesundheit auf Umwegen beeinflussen: durch Medikamente, die den Mund austrocknen, durch nachlassende Feinmotorik beim Putzen, durch Gesichtsschmerzen und Schluckstörungen. Mit gut geplanten Terminen, passenden Hilfsmitteln und offener Absprache lassen sich viele dieser Hürden abfedern.
Ein Patient mit MS sagte einmal beim Abschied, das Schwierigste an seinen Zahnarztterminen sei nicht die Behandlung, sondern der Weg vom Parkplatz bis in den Stuhl. Danach war er so erschöpft, dass er sich kaum noch konzentrieren konnte. Seitdem bekam er den ersten Termin am Morgen, einen Platz nahe am Eingang und eine kurze Pause nach dem Hinsetzen. Es waren kleine Änderungen mit großer Wirkung.
Dieser Beitrag zeigt, worauf Menschen mit Multipler Sklerose bei ihrer Mundgesundheit achten können und was Sie mit Ihrer Praxis besprechen sollten.
Was hat Multiple Sklerose mit den Zähnen zu tun?
Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft rund 280.000 Menschen mit MS, jedes Jahr kommen etwa 15.000 Diagnosen hinzu. Frauen erkranken etwa dreimal so häufig wie Männer, die ersten Beschwerden zeigen sich meist zwischen 20 und 40 Jahren.
Die Zähne selbst sind von der Erkrankung nicht betroffen. Viele Begleiterscheinungen wirken sich aber auf den Mund aus. Fatigue, also eine ausgeprägte Erschöpfung, macht das gründliche Putzen am Abend schwer. Eine spastische Muskulatur, Zittern oder Gefühlsstörungen in den Händen erschweren die Feinarbeit zwischen den Zähnen. Und manche Medikamente, die gegen MS-Beschwerden helfen, verringern den Speichelfluss.
Welche Mundprobleme treten bei MS häufiger auf?
Am häufigsten begegnet uns in der Praxis ein trockener Mund. Hunderte Medikamente können den Speichelfluss verringern, darunter manche Mittel gegen Blasenbeschwerden und gegen Depressionen, die bei MS häufig verordnet werden. Speichel schützt die Zähne vor Säure und hilft dem Zahnschmelz, sich zu erholen. Fehlt er, steigt das Risiko für Karies und Pilzinfektionen. Tipps dazu finden Sie im Ratgeber Mundtrockenheit.
Manche Menschen mit Blasenbeschwerden trinken bewusst wenig, um seltener zur Toilette zu müssen. Das ist verständlich, verstärkt aber die Mundtrockenheit. Sprechen Sie mit Ihrer neurologischen Praxis darüber, wie sich beides vereinbaren lässt. Kleine Schlucke über den Tag verteilt, zuckerfreier Kaugummi nach dem Essen und ein Luftbefeuchter in der Nacht können helfen. Fällt das Kauen schwer, greifen viele zu weicher, oft süßer Kost. Dann ist ein konsequenter Fluoridschutz umso wichtiger.
Einige Studien deuten zudem darauf hin, dass Erkrankungen des Zahnhalteapparats bei Menschen mit MS häufiger sind. Eine Übersichtsarbeit von 2024 fand eine erhöhte Chance für entsprechende Befunde, betont aber, dass nur wenige Studien vorliegen und ein ursächlicher Zusammenhang nicht belegt ist. Plausibel ist, dass erschwerte Mundhygiene und Entzündungsprozesse zusammenspielen. Warum Zahnfleischbluten ein Warnzeichen ist, erklärt der Beitrag zur Parodontitis.
Können Gesichtsschmerzen bei MS mit den Zähnen verwechselt werden?
Ja, das kommt vor. MS kann anfallsartige, meist einseitige Gesichtsschmerzen auslösen, die einer Trigeminusneuralgie ähneln. Auch Taubheit oder Kribbeln in einem Bereich des Gesichts sind möglich. Weil der Trigeminusnerv auch die Zähne versorgt, werden solche Schmerzen manchmal als Zahnschmerz empfunden.
Für Sie bedeutet das: Wenn ein Zahn heftig und blitzartig schmerzt, die Untersuchung aber keinen Befund an Zahn oder Zahnfleisch ergibt, sollte vor einer Wurzelbehandlung oder dem Ziehen eines Zahns auch an eine neurologische Ursache gedacht werden. Erzählen Sie Ihrer Zahnärztin deshalb von Ihrer MS und von früheren Gesichtsschmerzen. Im Zweifel ist eine Rücksprache mit Ihrer neurologischen Praxis der richtige Weg.
Was ist bei Schluckstörungen auf dem Zahnarztstuhl zu beachten?
Schluckstörungen sind bei MS häufiger, als viele denken. Eine Metaanalyse mit 22 Studien kam auf eine Häufigkeit von etwa 43 Prozent, bei gezielten Schluckuntersuchungen lag der Anteil noch höher. Manche Betroffene bemerken die Störung selbst kaum.
Beim Zahnarzt ist das wichtig, weil während der Behandlung Wasser, Speichel und kleine Partikel in den Rachen gelangen können. Sagen Sie Ihrer Praxis, wenn Sie sich leicht verschlucken oder husten müssen. Dann kann die Behandlung mit etwas aufrechterer Lagerung, kräftiger Absaugung und regelmäßigen Pausen gestaltet werden. Vereinbaren Sie ein Handzeichen, mit dem Sie jederzeit eine Unterbrechung signalisieren können. Auch für die Mundpflege zu Hause gilt: Spülungen eher sparsam einsetzen und nach Rücksprache auf Gele ausweichen, wenn das Ausspucken schwerfällt.
Unser Tipp:
Rufen Sie vor dem ersten Termin kurz in der Praxis an und fragen Sie nach Parkplatz, Stufen, Aufzug und einer barrierefreien Toilette. Nennen Sie dabei die Tageszeit, zu der Sie sich meist am fittesten fühlen. Viele Praxen können darauf eingehen, wenn sie es vorher wissen.
Wie lässt sich der Zahnarztbesuch mit MS gut planen?
Fatigue ist eines der häufigsten Symptome bei MS. Lange Sitzungen sind deshalb oft schwieriger als mehrere kurze. Wenn eine größere Behandlung ansteht, kann es sinnvoll sein, sie auf zwei Termine zu verteilen. Viele Menschen mit MS bevorzugen Termine am Vormittag.
Wärme kann MS-Beschwerden vorübergehend verstärken, Fachleute sprechen vom Uhthoff-Phänomen. Ein kühler Behandlungsraum, eine leichte Kleidung und ein Getränk griffbereit helfen an warmen Tagen. Wer eine Gehhilfe oder einen Rollstuhl nutzt, sollte vorab klären, ob der Umstieg auf den Behandlungsstuhl Unterstützung braucht.
Bringen Sie einen aktuellen Medikamentenplan mit. Einige MS-Therapien beeinflussen das Immunsystem. Vor chirurgischen Eingriffen sollte Ihre Zahnärztin das wissen und gegebenenfalls Rücksprache mit Ihrer neurologischen Praxis halten. Setzen Sie Medikamente bitte nie eigenständig ab. Weitere Hinweise zur Planung finden Sie im Beitrag Zahnbehandlung bei Behinderung oder Pflegebedarf.
Welche Hilfsmittel erleichtern die Zahnpflege bei MS?
Eine elektrische Zahnbürste nimmt Ihnen einen Großteil der Bewegung ab. Wenn das Greifen schwerfällt, helfen dickere Griffe oder Griffverstärkungen, die es auch zum Nachrüsten gibt. Für die Zwischenräume eignen sich Zahnseide-Halter oder Zwischenraumbürstchen mit langem Stiel oft besser als klassische Zahnseide, die mit beiden Händen geführt werden muss.
Putzen Sie im Sitzen, wenn das Gleichgewicht unsicher ist, und stützen Sie den Ellenbogen auf dem Waschbecken ab. Das gibt der Hand mehr Ruhe. Wenn sich Ihre Handfunktion im Lauf der Zeit verändert, sagen Sie es in der Praxis. Dann lassen sich die Hilfsmittel anpassen und die Abstände der Prophylaxetermine neu festlegen. An Tagen mit starker Erschöpfung ist eine gründliche Reinigung am Morgen besser als ein hastiges Putzen am späten Abend.
Fluorid bleibt der wichtigste Kariesschutz. Bei trockenem Mund kann Ihre Praxis zusätzlich Fluoridlack auftragen oder eine höher dosierte Zahnpasta verordnen. Wenn Angehörige oder Pflegekräfte beim Putzen helfen, lohnt sich eine gemeinsame Anleitung in der Praxis. Tipps dazu finden Sie auch im Ratgeber Mundgesundheit bei Pflegebedürftigen.
Was zahlt die Krankenkasse bei Multipler Sklerose?
Allein wegen der Diagnose MS gibt es keine zusätzlichen zahnärztlichen Leistungen. Es gelten die üblichen Regeln: zwei Kontrolluntersuchungen im Jahr und einmal jährlich die Entfernung von Zahnstein. Für die professionelle Zahnreinigung zahlen viele Krankenkassen freiwillig einen Zuschuss.
Anders sieht es aus, wenn ein Pflegegrad vorliegt oder Sie Leistungen der Eingliederungshilfe erhalten. Nach § 22a SGB V haben Versicherte, „die einem Pflegegrad nach § 15 des Elften Buches zugeordnet sind oder in der Eingliederungshilfe nach § 99 des Neunten Buches leistungsberechtigt sind“, Anspruch auf Leistungen zur Verhütung von Zahnerkrankungen. Dazu gehören laut Gesetz insbesondere die Erhebung eines Mundgesundheitsstatus, die Aufklärung über Mundhygiene, ein individueller Plan zur Mund- und Prothesenpflege sowie die Entfernung harter Zahnbeläge. Pflegepersonen sollen einbezogen werden.
Fragen Sie in der Praxis gezielt danach, wenn das auf Sie zutrifft. Eine geeignete, gut erreichbare Praxis können Sie über unsere Suche finden: Partnerpraxis in Ihrer Nähe finden.
Schadet Multiple Sklerose den Zähnen?
Die Erkrankung greift die Zähne nicht direkt an. Indirekt können aber Mundtrockenheit durch Medikamente, erschwertes Putzen und Erschöpfung das Risiko für Karies und Zahnfleischentzündungen erhöhen. Regelmäßige Kontrollen und passende Hilfsmittel helfen dagegen.
Können Gesichtsschmerzen bei MS wie Zahnschmerzen wirken?
Ja, MS kann einseitige, anfallsartige Gesichtsschmerzen auslösen, die einer Trigeminusneuralgie ähneln und als Zahnschmerz empfunden werden. Findet die Zahnärztin keinen Befund am Zahn, sollte vor einer Wurzelbehandlung oder Extraktion auch eine neurologische Ursache geprüft werden.
Was tun, wenn ich mich beim Zahnarzt leicht verschlucke?
Sagen Sie es Ihrer Praxis vor Beginn der Behandlung. Mit aufrechterer Lagerung, guter Absaugung, Pausen und einem vereinbarten Handzeichen lässt sich das Risiko verringern. Schluckstörungen sind bei MS nicht selten.
Zahlt die Krankenkasse mehr Vorsorge bei MS?
Allein wegen der Diagnose nicht. Liegt aber ein Pflegegrad vor oder erhalten Sie Eingliederungshilfe, haben Sie nach § 22a SGB V Anspruch auf zusätzliche Leistungen zur Verhütung von Zahnerkrankungen, etwa einen Mundgesundheitsstatus, einen Pflegeplan und die Entfernung harter Beläge.
Welche Zahnbürste eignet sich bei eingeschränkter Handfunktion?
Eine elektrische Zahnbürste nimmt viel Bewegung ab, ein dicker Griff erleichtert das Halten. Für die Zwischenräume sind Zwischenraumbürstchen mit langem Stiel oder Zahnseide-Halter oft einfacher als normale Zahnseide. Lassen Sie sich in der Praxis beraten, was zu Ihrer Situation passt.
Hinweis: Dieser zahnmedizinische Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern.
Er ist kein Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.