Wiederkehrende, schmerzhafte Aphthen sind oft das erste Zeichen von Morbus Behçet. Hier lesen Sie, woran man die Erkrankung erkennt, was gegen die Geschwüre hilft und warum gesunde Zähne dabei zählen.
Bei Morbus Behçet treten fast immer wiederkehrende, schmerzhafte Geschwüre im Mund auf, und sie sind meist das erste Zeichen der Erkrankung. Die Behandlung liegt in der Rheumatologie, die Zahnarztpraxis kann aber viel zur Linderung beitragen. Eine Studie zeigt, dass Zahn- und Zahnfleischbehandlungen die Zahl der Geschwüre langfristig verringern können.
Ein Patient Anfang dreißig erzählte, er habe „seit Jahren ständig Aphthen“, manchmal fünf oder sechs auf einmal. Er hatte sich daran gewöhnt, an schlechten Tagen nur Suppe zu essen. Erst als er nebenbei von einer Augenentzündung im Vorjahr berichtete, ergab sich ein Bild, das eine rheumatologische Abklärung nahelegte.
Die meisten Aphthen sind harmlos. Wenn sie aber sehr häufig wiederkommen und andere Beschwerden hinzukommen, lohnt sich ein genauerer Blick. Dieser Beitrag erklärt, was hinter Morbus Behçet steckt und was Sie für Ihren Mund tun können.
Morbus Behçet, auch Behçet-Syndrom genannt, ist eine entzündliche Erkrankung der Blutgefäße, eine sogenannte Vaskulitis. Sie kann Mund- und Genitalschleimhaut, Haut, Augen, Gelenke, Gefäße, das Nervensystem und den Darm betreffen. Die Erkrankung verläuft in Schüben mit ruhigeren Phasen dazwischen. Die Veränderungen an Haut und Schleimhaut sind in den ersten Jahren oft stärker ausgeprägt.
Verbreitet ist Morbus Behçet vor allem entlang der historischen Seidenstraße, vom Mittelmeerraum bis nach China. In Deutschland ist die Erkrankung selten: Eine Auswertung von Krankenkassendaten ergab für 2018 etwa 4,7 Betroffene pro 100.000 Menschen. Menschen mit türkischen Wurzeln, die hier leben, haben ein höheres Risiko als die übrige Bevölkerung. Männer und Frauen erkranken etwa gleich häufig, meist beginnt die Krankheit im dritten Lebensjahrzehnt. Bei Männern verläuft sie tendenziell schwerer.
Wie sehen Aphthen bei Morbus Behçet aus?
Nahezu alle Betroffenen haben wiederkehrende Geschwüre im Mund, eine Cochrane-Übersicht nennt 97 bis 100 Prozent. Die Geschwüre sind rund oder oval, etwa 2 bis 10 Millimeter groß und haben einen gelblichen Grund mit gerötetem Rand. Sie können überall im Mund auftreten, an Zunge, Lippen, Wangenschleimhaut, Zahnfleisch oder Gaumen, und kommen oft in Gruppen.
Eine einzelne Aphthe heilt in der Regel nach ein bis zwei Wochen ab. Das eigentliche Problem ist die Häufigkeit. Wer ständig mehrere offene Stellen hat, isst, trinkt und spricht unter Schmerzen. Die Cochrane-Autoren beschreiben die Mundbeteiligung zwar als selten lebensbedrohlich, aber als deutliche Belastung für die Lebensqualität.
Woran unterscheidet man Behçet von gewöhnlichen Aphthen?
Gewöhnliche Aphthen sind sehr verbreitet und kein Zeichen einer ernsten Erkrankung. Bei Morbus Behçet kommen die Geschwüre im Mund mit Beschwerden an anderen Stellen zusammen. Nach den Kriterien der International Study Group wird die Diagnose gestellt, wenn Mundgeschwüre mindestens dreimal innerhalb von zwölf Monaten auftreten und zusätzlich zwei der folgenden Merkmale vorliegen: wiederkehrende Geschwüre im Genitalbereich, eine Entzündung am Auge, typische Hautveränderungen oder ein positiver Pathergietest.
Beim Pathergietest wird die Haut am Unterarm mit einer sterilen Nadel gestochen. Bildet sich nach 24 bis 48 Stunden eine gerötete Verhärtung mit einer kleinen Pustel, gilt der Test als positiv. Ein Bluttest, der die Erkrankung sicher nachweist, existiert nicht. Das Gewebemerkmal HLA-B51 ist bei Betroffenen häufiger, beweist die Krankheit aber nicht.
Die Diagnose stellt die Rheumatologie, oft gemeinsam mit Augenheilkunde und Dermatologie. Wenn Sie sehr häufig Aphthen haben und dazu etwa Augenbeschwerden oder Geschwüre im Genitalbereich bemerken, sprechen Sie das bitte offen bei Ihrer Hausärztin oder in der Zahnarztpraxis an.
Welche Behandlung hilft gegen die Mundgeschwüre?
Heilen lässt sich Morbus Behçet bisher nicht, die Behandlung zielt darauf, Beschwerden zu lindern und Schübe seltener zu machen. Eine Cochrane-Übersicht mit 15 Studien kam 2014 zu dem Ergebnis, dass die Belege für einzelne Mittel gegen die Mundgeschwüre insgesamt dünn sind. Das bedeutet nicht, dass nichts hilft, sondern dass die Behandlung individuell abgestimmt werden muss.
Örtlich werden cortisonhaltige Präparate, betäubende Gele und entzündungshemmende oder desinfizierende Mundspülungen eingesetzt. Örtliches Cortison kann die Beschwerden vorübergehend bessern, an der Häufigkeit der Rückfälle ändert es aber wenig. Für eine dauerhafte Wirkung verordnet die Rheumatologie Medikamente zum Einnehmen. Colchicin kann Zahl und Schwere der Mund- und Genitalgeschwüre verringern. Apremilast ist seit 2020 für die Behandlung von Mundgeschwüren bei Morbus Behçet zugelassen und kann ihre Anzahl und die Schmerzen reduzieren. Bei schwereren Verläufen oder Beteiligung von Augen und Gefäßen kommen weitere Mittel infrage, die das Immunsystem dämpfen.
Welches Medikament für Sie passt und in welcher Dosis, legt Ihre behandelnde Ärztin fest. Nehmen Sie bitte keine Mittel auf eigene Faust ein oder setzen sie ab.
Unser Tipp:
Führen Sie über ein paar Monate ein einfaches Aphthen-Tagebuch: Datum, Anzahl der Geschwüre, wo sie saßen und wie stark die Schmerzen waren. Fotografieren Sie auffällige Stellen. Diese Notizen helfen der Rheumatologie bei der Diagnose und später bei der Frage, ob eine Behandlung wirkt.
Warum sind gesunde Zähne bei Behçet so wichtig?
Wer ständig wunde Stellen im Mund hat, putzt verständlicherweise vorsichtiger oder lässt die schmerzhaften Bereiche ganz aus. Dann sammelt sich Belag, das Zahnfleisch entzündet sich, und das Risiko für Karies und Zahnfleischentzündungen steigt. So entsteht leicht ein Kreislauf.
Eine türkische Studie mit 58 Betroffenen hat untersucht, was passiert, wenn man diesen Kreislauf durchbricht. Die Hälfte erhielt Zahn- und Zahnfleischbehandlungen samt Mundhygieneschulung, die andere Hälfte nur die Schulung. Während der Behandlungsphase traten zunächst mehr Geschwüre auf. Sechs Monate später hatte die behandelte Gruppe aber deutlich weniger Geschwüre als vorher, im Mittel 1,9 statt 4,8. In der Vergleichsgruppe zeigte sich keine solche Veränderung. Die Studie ist klein, das Ergebnis passt aber gut zu dem, was man in der Praxis beobachtet.
Sollte bereits eine Parodontitis bestehen, ist ihre Behandlung deshalb doppelt sinnvoll.
Was sollten Sie vor einer Zahnbehandlung wissen?
Aus der genannten Studie lässt sich eine praktische Erkenntnis ableiten: Kurz nach einer Zahnbehandlung können vorübergehend mehr Aphthen auftreten. Das ist ärgerlich, aber kein Grund, notwendige Behandlungen aufzuschieben. Sprechen Sie mit Ihrer Praxis darüber, ob sich größere Eingriffe in eine ruhigere Phase legen lassen.
Wenn Sie Medikamente einnehmen, die das Immunsystem dämpfen, oder Cortison in höherer Dosis, sollte Ihre Zahnärztin das vor jedem chirurgischen Eingriff wissen. Ob zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen nötig sind, klärt sie mit Ihrer Rheumapraxis. Bringen Sie am besten einen aktuellen Medikamentenplan mit. Bei offenen Stellen im Mund kann außerdem eine schonende Vorgehensweise bei der Reinigung vereinbart werden.
Was können Sie im Alltag selbst tun?
Während eines Schubs tut weiche, nicht zu heiße Kost gut. Saures, Scharfes und stark Salziges brennt auf offenen Stellen und sollte dann eher gemieden werden. Kühle Getränke und Speisen wie Joghurt werden oft als angenehm empfunden.
Zum Putzen eignet sich eine weiche Zahnbürste. Eine Einbüschelbürste hilft, auch an einer schmerzenden Stelle vorbei gezielt einzelne Zähne zu reinigen, statt den Bereich ganz auszulassen. Eine fluoridhaltige Zahnpasta bleibt die Grundlage für den Kariesschutz. Lassen Sie sich in der Prophylaxe zeigen, wie Sie trotz Aphthen gründlich und zugleich schonend putzen können.
Planen Sie regelmäßige Kontrollen ein, auch wenn der Mund gerade ruhig ist. Gerade in diesen Phasen lassen sich Behandlungen am besten durchführen.
Was zahlt die Krankenkasse bei Morbus Behçet?
Eigene zahnärztliche Leistungen für Menschen mit Morbus Behçet gibt es nicht. Gesetzlich Versicherte haben Anspruch auf zwei Kontrolluntersuchungen pro Jahr und einmal jährlich auf die Entfernung von Zahnstein. Eine Parodontitisbehandlung übernimmt die Kasse nach vorheriger Genehmigung, die anschließende unterstützende Nachsorge läuft über zwei Jahre.
Die professionelle Zahnreinigung ist keine gesetzliche Regelleistung, viele Kassen zahlen jedoch freiwillig einen Zuschuss. Erkundigen Sie sich bei Ihrer Kasse nach den Bedingungen. Wenn Sie eine Praxis suchen, die sich Zeit für eine schonende Behandlung nimmt, können Sie hier eine Partnerpraxis in Ihrer Nähe finden und direkt einen Termin anfragen.
Sind die Aphthen bei Morbus Behçet ansteckend?
Nein, die Geschwüre entstehen durch die Entzündungserkrankung und werden nicht übertragen. Sie sind auch nicht dasselbe wie Herpesbläschen. Bei unklaren Stellen im Mund sollte trotzdem ärztlich abgeklärt werden, was dahintersteckt.
Ab wann sollte ich bei häufigen Aphthen an Morbus Behçet denken?
Wenn Aphthen mindestens dreimal im Jahr auftreten und zusätzlich Geschwüre im Genitalbereich, Augenentzündungen oder auffällige Hautveränderungen hinzukommen, sollte eine rheumatologische Abklärung erfolgen. Einzelne Aphthen ohne weitere Beschwerden sind meist harmlos.
Ist Morbus Behçet heilbar?
Bisher nicht. Die Erkrankung verläuft in Schüben, und mit einer passenden Behandlung lassen sich die Beschwerden bei vielen Betroffenen deutlich lindern. Welche Medikamente infrage kommen, entscheidet die Rheumatologie.
Können Zahnbehandlungen bei Behçet neue Aphthen auslösen?
Kurz nach einer Zahnbehandlung können vorübergehend mehr Geschwüre auftreten. In einer Studie hatten Betroffene sechs Monate nach Zahn- und Zahnfleischbehandlungen aber deutlich weniger Geschwüre als vorher. Notwendige Behandlungen sollten deshalb nicht aufgeschoben werden.
Was ist der Pathergietest?
Die Haut am Unterarm wird mit einer sterilen Nadel gestochen. Entsteht nach 24 bis 48 Stunden eine gerötete Verhärtung mit kleiner Pustel, ist der Test positiv. Er ist eines von mehreren Kriterien und allein nicht beweisend.
Hinweis: Dieser zahnmedizinische Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern.
Er ist kein Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.