Wissenwertes über Gingivaformer und Abutments beim Einsetzen von Zahnimplantaten

Immer mehr implantatgetragener Zahnersatz – in der Zahnmedizin Suprakonstruktion genannt – wird in Deutschland eingesetzt. Der Wunsch nach natürlich aussehendem, sicherem Zahnersatz bei gleichzeitiger Erfüllung höchster ästhetischer Ansprüche ist der Grund, dass viele Patienten sich für die technisch anspruchsvolle, zeit- und kostenintensive Behandlung entscheiden. Wenn eine künstliche Zahnwurzel im Kieferknochen eingesetzt wird, um später Zahnersatz zu tragen, sind dabei diverse Arbeitschritte und Hilfsmittel erforderlich. Wir beleuchten heute den Gingivaformer, Abutments und ihre Aufgaben im Implantatverfahren. 

Was ist die Gingiva?

Gingiva ist das lateinische Wort für Zahnfleisch. Das Zahnfleisch gehört zum Zahnhalteapparat und hat eine sehr wichtige Aufgabe: Es schützt die empfindliche Zahnwurzel vor Bakterien und schädlichen Einwirkungen aus dem Mundraum. Das Zahnfleisch besteht aus zwei Anteilen: Ein Teil ist mit dem Kieferkamm fest verbunden und unbeweglich, ein kleinerer, beweglicher Teil der Gingiva umschließt im gesunden Zustand den Zahnhals dicht wie eine Manschette. Diesen Teil der Gingiva kann der Zahnarzt mit einer Parodontalsonde leicht vom Zahn abheben und damit feststellen, ob das Zahnfleisch gesund ist und seine Funktion erfüllen kann. Ist das Zahnfleisch chronisch entzündet (Gingivitis), lockert sich allmählich die Haftung des Zahnfleischsaums, und Bakterien können durch entstehende Zwischenräume tief in den Zahnhalteapparat eindringen. Wenn daraus eine Parodontitis entsteht, drohen nicht nur Kieferknochen- und Zahnverlust, sondern auch schwerwiegende andere körperliche Erkrankungen. Lesen Sie hier mehr über die Auswirkungen von Zahnfleischerkrankungen: Zahnfleischtaschen und Parodontitis – Gründe und Behandlung

Wann kommt ein Gingivaformer zum Einsatz?

Der Ablauf einer Implantat-Behandlung erfolgt in mehreren Schritten und erfordert mehrere Besuche beim Zahnarzt (abgesehen von Sofortimplantaten). Nach gründlicher Diagnostik und Beratung wird die Position des Implantats im Kiefer mit modernster Technik exakt geplant und berechnet. Wenn es an ausreichender Knochensubstanz mangelt, muss vor der Implantation noch ein Knochenaufbau des Kiefers vorgenommen werden. Im ersten Schritt der Implantation wird im Kieferknochen eine Öffnung gebohrt und die künstliche Zahnwurzel aus Titan oder Zirkonkeramik eingeschraubt. Es kann von einigen Wochen bis zu mehreren Monaten dauern – bei vorherigem Knochenaufbau bis zu neun Monaten –, bis der Knochen mit dem neuen Unterbau für Zahnersatz fest verwachsen ist und sicheren Halt bietet. Diese Einheilungsphase kann auf zwei verschiedene Arten erfolgen, davon abhängig ist auch der zeitliche Einsatz des Gingivaformers.

Geschlossene Einheilung

Nach dem Einsetzen des Zahnimplantats im Kieferknochen wird eine Verschlussschraube im Implantatgewinde verschraubt und das Zahnfleisch über der Wunde wieder fest vernäht. So ist das Implantat vor äußeren Einflüssen und Infektionen aus dem Mundraum geschützt und kann in Ruhe heilen. Eine Interimsprothese kann in der Zwischenzeit dafür sorgen, dass Ästhetik und Kaufunktion gewährleistet sind und die Wunde geschützt wird. Die geschlossene Einheilung erfordert nach der Einheilphase die Freilegung des Implantats, um später den Zahnersatz darauf befestigen zu können. Der Zahnarzt öffnet unter örtlicher Betäubung die Schleimhaut über dem Implantat mit einem Skalpell, einer Schleimhautstanze oder einem Laser. Beim geschlossenen Verfahren ist dann der Zeitpunkt zum Einsatz des Gingivaformers gekommen: Die Verschlusschraube wird entfernt und der Zahnfleischformer eingedreht. Seine Größe entspricht dem späteren Implantataufbau. Zwei bis drei Wochen lang wird er aus dem Zahnfleisch ragen, es offen halten und – quasi als Platzhalter für den späteren Zahnersatz – dafür sorgen, dass sich das Zahnfleisch ringförmig ausbildet und sich später dicht an die Krone schmiegen kann. 

Offene Einheilung

Bei diesem Verfahren wird der Zahnfleischformer direkt nach dem Setzen des der künstlichen Zahnwurzel auf das Implantat geschaubt und ragt während der Heilungshase aus dem Zahnfleisch hervor. Der kleine Metallkopf ist der einzige sichtbare Teil im Mund in dem Zeitraum, in dem sich der Knochen mit dem Implantat verbindet. Das Zahnimplantat muss nach Abschluss der Heilung nicht extra freigelegt werden, und der Zahnfleischrand hat sich bereits in die gewünschte Ringform gefügt. Der Abdruck für den endgültigen Zahnersatz kann ohne chirurgische Freilegung direkt nach der Heilungsphase genommen werden.

Was ist ein Abutment?

Ein Abutment (englisch für Stütz- oder Brückenpfeiler) ist das Verbindungselement, das auf dem auf dem Implantat befestigt wird und den Zahnersatz mit der im Knochen verwachsenen Struktur verbindet. Das Abutment wird aus denselben Materialien wie die Ersatzzahnwurzel angefertigt: Titan oder zahnfarbene Zirkonkeramik. Vollkeramische Abutments aus Zirkon haben den Vorteil, dass auch bei dünnem Zahnfleisch nichts durchschimmert. Das ist besonders für die Ästhetik im Frontzahnbereich wichtig. Der Gingivaformer wird nach einiger Zeit gegen das Abutment ausgetauscht, danach kann der Zahnarzt einen Gebissabdruck nehmen. Anhand dieses individuellen Abdrucks wird im Zahnlabor schließlich der ZahnersatzKronen, Brücken oder implantatgetragene Teleskopprothesen –  hergestellt. 

 

Als Abutment wird außerdem auch die Schutzkappe (oder Einheilkappe) bezeichnet, die das Zahnimplantat nach dem Setzen verschließt. In diesem Falle kann das Abutment gleichzeitig auch als Gingivaformer fungieren.

 

Auch Wurzelkappen, die mit einem Wurzelstift in der Zahnwurzel verankert werden und dem Zahnersatz Halt geben, werden Abutments genannt. 

Zahnimplantat aus Titan oder Zirkonkeramik?

Reines Titan hat eine sehr hohe Biokompatibilität, ist extrem belastbar und langlebig und wächst gegenüber Zirkonkeramik schneller im Kieferknochen fest (Titan benötigt etwa sechs bis zwölf Wochen, Keramik bis zu 24 Wochen). Seit langem ist es das bewährte Material für künstliche Zahnwurzeln. Metallfreie Zahnimplantate aus Zirkonkeramik sind biologisch ebenfalls völlig unbedenklich und sehr widerstandsfähig. Für Patienten mit Allergien, Stoffwechselerkrankungen und Unverträglichkeiten kann Zirkonkeramik die bessere Lösung für Implantate sein. Ein weiterer Pluspunkt von Zirkon ist die Farbe: Das Durchscheinen von zahnfarbenen Implantaten aus Zirkon ist auch an Stellen mit dünnem Zahnfleisch praktisch ausgeschlossen.  

Einteilige und zweiteilige Zahnimplantate

Bei zweiteiligen Implantaten wird das Abutment auf das Implantat geschraubt und bildet die Verbindung zwischen dem Knochenanker und dem Zahnersatz. Bei einteiligen Implantaten werden Implantatkörper und Abutment als ein Teil hergestellt. Nach dem Einsetzen des einteiligen Zahnimplantats ragt der Implantatkopf während der gesamten Heilungsphase aus dem Zahnfleisch heraus. In diesem Fall kann das Zahnimplantat nicht immer vor vorzeitiger mechanischer Belastung geschützt werden. Das kann die Heilung und das feste Verwachsen mit dem Knochen beeinträchtigen, daher wird diese Form der Zahnimplantate seltener verwendet.

Provisorischer Zahnersatz während der Einheilung

Damit die Kaufunktion und Ästhetik des Gebisses während der Wochen oder Monate der Heilungsphase nicht beeinträchtigt werden, bekommen Patienten von ihrem behandelnden Zahnarzt für diese Übergangszeit ein Provisorium. Das kann – je nach Ausgangssituation – ganz unterschiedlich ausfallen.

Sofortimplantate

Bei bestimmten Voraussetzungen kann ein gesetztes Zahnimplantat auch sofort mit einem Provisorium versehen werden. Besonders im Bereich der Frontzähne, wenn nach einem Schlag oder Unfall ein Zahn verloren gegangen ist, kann so die Ästhetik wieder hergestellt werden. In diesem Fall wird direkt nach der Extraktion des Zahns, spätestens aber nach 48 Stunden, das Implantat in die frische Wunde gesetzt. Der spezielle Gewindeaufbau dieser Implantate erzeugt eine hohe Primärstabilität im Knochen. Auf die Einheilzeit kann damit verzichtet werden, und der Patient kann häufig nach nur einem Besuch mit einem vollständigen Gebiss die Praxis verlassen. Durch die sofortige Wiederbelastung des Kieferknochens durch die künstliche Zahnwurzel kann der Knochen sich auch nicht zurückbilden. Bedingungen dafür sind eine ausreichend große Menge an Knochensubstanz im Kiefer und ein entzündungsfreier Mundraum.  

Nach dem Eingriff

Nach jedem chirurgischen Eingriff muss der Patient einige Verhaltensregeln beachten. In den ersten Tagen nach der Zahnimplantat-Behandlung sollten Sport und körperliche Anstrengungen vermieden werden, ebenso wie Alkohol, Tabak und Kaffee. Der Kopf sollte auch nachts möglichst hoch gelagert werden. Kühlung von außen beugt Schmerzen und Schwellungen vor. Das frische Implantat muss ungestört einheilen können und vor Belastung geschützt werden. Ein Provisorium hilft, das Implantat zu schützen

Fazit:

Bei Zahnverlust bietet eine Implantation hervorragende Möglichkeiten, festsitzenden Zahnersatz oder herausnehmbare Prothesen sicher zu verankern. Durch das Einsetzen einer künstlichen Wurzel als Fundament müssen keine anderen Zähne beschliffen werden, dem gefürchteten Kieferknochenschwund wird damit vorgebeugt. Der Eingriff ist technisch sehr anspruchsvoll und erfordert höchste Präzision und Fachkenntnis.  

Author: Dr. Bernd Neuber (-> Profilseite)
DentNet - Zahnarzt und Implantologe in Aschaffenburg