Kariesinfiltration – mikroinvasive Behandlung ohne Bohren

Auch der größte Feind unserer Zähne, die Karies, fängt einmal klein an. Bevor die Krankheit fortschreitet und richtige Löcher in den Zahn frisst, zeigt sie sich noch in harmlosen Gewand. Weißliche Verfärbungen auf der Zahnoberfläche (Kalkflecken, White Spots) deuten darauf hin, dass Plaquebakterien bereits damit begonnen haben, dem Zahnschmelz Mineralien zu entziehen (Initialkaries). Diese beginnende Karies kann noch ausgebremst werden, ehe die Erkrankung im nächsten Stadium das tieferliegende und schmerzempfindliche Dentin angreift.  

Wie wird eine Karies im Frühstadium festgestellt?

Die regelmäßigen Kontrollen durch den Zahnarzt in der Praxis bringen es an den Tag. Der Zahnarzt verfügt über spezielle Instrumente, ein Röntgengerät und im Idealfall sogar über einen Karies-Diagnoselaser. Der Laser durchleuchtet die Zähne ohne gesundheitliche Belastung noch genauer als ein Röntgenbild und entdeckt auch Kariesschäden, die sich gerade erst bilden. Das gilt für die glatten Flächen am Zahn (vestibulär) genauso wie für die schwer zugänglichen Zahnzwischenräume (approximale Bereiche), in denen das Risiko für Kariesschäden besonders groß ist.

Was ist die Kariesinfiltration?

Wer hat’s erfunden?

Das Verfahren wurde in Zusammenarbeit der Berliner Charité und der Universität Kiel entwickelt. Die Kariesinfiltration ist eine mikro-invasive Methode, beginnende Karies frühzeitig zu beseitigen, ohne dabei gesunde Zahnsubstanz abtragen zu müssen. Das Produkt zur Kariesbekämpfung trägt den Namen "Icon®" und wurde 2010 mit dem Deutschen Innovationspreis ausgezeichnet. Zahlreiche Zahnarztpraxen wenden die Behandlung bereits an. Besonders für Patienten, die Angst vor dem Zahnarztbesuch und dem unangenehmen Geräusch eines hochdrehenden Bohrers haben, ist die schonende und schmerzfreie Infiltration eine deutlich sanftere Behandlung. Auch eine lokale Betäubung mit der Spritze ist nicht notwendig.

Was passiert bei einer Kariesinfiltration?

Wo eine Karies beginnt, die Mineralien aus dem Schmelz zu lösen, entstehen kleinste Poren in der Struktur des harten Zahnschmelzes. Für die Kariesinfiltration wird zunächst ein schützender Wall zwischen dem betroffenen Zahn und dem restlichen Mundraum aufgebaut. Dieser sogenannte Kofferdam schützt das Zahnfleisch und hält den Speichel zurück, denn die zu behandelnde Stelle muss unbedingt trocken bleiben. Die befallenen Bereiche des Zahns werden dann mit einem Ätzgel behandelt. Anschließend trägt der Zahnarzt den dünnflüssigen Kunststoff (Infiltrant) auf. Das Material dringt in die kleinsten Poren und Hohlräume der harten Zahnsubstanz ein und wird mit UV-Licht ausgehärtet. Nach einer abschließenden Politur hat der Zahn wieder eine geschlossene Oberfläche und ist versiegelt vor kariogenen Säuren und Bakterien – ganz ohne Bohren.

Das Verfahren wird auch für die Zahnzwischenräume (Approximalräume) angewendet, die schwieriger zu reinigen sind und in denen sich häufig Karies bildet. In diesen schwer zugänglichen Bereichen werden für die Infiltration hauchdünne Folien eingesetzt, mit denen das Material an die erkrankte Stelle am Zahn transportiert wird. Vor der Behandlung werden die Zähne ganz leicht mit einem Keil auseinander gedrängt, damit der Zwischenraum für die Behandlung gut erreichbar ist. 

Wo hilft die Kariesinfiltration außerdem?

Patienten, die kieferorthopädische Apparaturen auf den Zähnen getragen haben, leiden nach deren Entfernung oft unter unschönen White Spots. Diese kreidig-weißen Veränderungen im Zahnschmelz deuten darauf hin, dass der Zahnschmelz unter den aufgeklebten Brackets einer festsitzenden Zahnspange nicht genug mineralisiert worden ist. Auch hier hilft die Infiltration von Kunststoff, um Kariesschäden zu verhindern und eine einheitliche Zahnfarbe herzustellen. 

Von Fluorose spricht man, wenn im Kindesalter eine Überversorgung mit Fluorid stattgefunden hat. Dann wachsen nach den Milchzähnen die bleibenden Zähne schon mit weißen Flecken aus dem Kiefer. Der Zahnschmelz ist an diesen Stellen nicht mehr so belastbar und kann sich gegen schädliche Säuren nicht ausreichend wehren. Ebenso wie bei der Schmelzbildungsstörung Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH, auch Kreidezähne) kann die Kariesinfiltration – meistens kombiniert mit einer Zahnaufhellung –  helfen, die Flecken und Verfärbungen zu maskieren und wieder eine ästhetische Zahnfarbe herzustellen. 

Bis zu welchem Stadium kann die Kariesinfiltration angewendet werden?

Der Zahnarzt kann das Stadium der Erkrankung genau beurteilen. Die Kariesinfiltration wird nur bei nicht-kavitierten (oberflächlichen) Karies-Läsionen angewendet. So lange die Entmineralisierung sich nur in weißen Flecken auf den Zähnen äußert, ist es noch nicht zu spät. Werden die Anfänge jedoch nicht behandelt, entwickeln sich die White Spots mit der Zeit zu dunkleren Flecken auf der Oberfläche des Zahns. Da die befallene Oberfläche einen rauere Struktur hat, können Pigmente aus Lebensmitteln und Getränken besser daran haften. Auch Bakterien finden besser Halt, und die Krankheit schreitet fort. Hat die Karies bereits tiefergehende Bereiche befallen oder ist der Zahnschmelz beschädigt oder aufgebrochen, muss der Bohrer doch noch ran. Eine Füllung oder ein Inlay ersetzt dann die entfernte Zahnsubstanz. Zahnhalskaries oder Wurzelkaries kann mit der Infiltration nicht behandelt werden.

Wie viel kostet eine Kariesinfiltration?

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Infiltration mit Kunststoff nicht, obwohl einige Versicherer ihren Mitgliedern einen Zuschuss gewähren. Patienten müssen mit etwa 80 bis 100 Euro Privatleistung für eine Zahnfläche rechnen. In den Zahnzwischenräumen ist die Behandlung etwas aufwändiger, daher fallen für diese Bereiche Kosten um die 120 Euro an. 

Fazit:

Beginnende Karies mit der Infiltration von hochflüssigem Kunststoff zu stoppen, ist ein noch recht junges Verfahren, dass sich aber in den letzten Jahren in den Zahnarztpraxen etabliert hat. Entscheidend ist die frühzeitige Diagnose der Erkrankung. Nur wenn die Karies früh genug erkannt wird, ist eine schmerzfreie und sanfte Kariesbehandlung ohne Bohren und ohne das Opfer gesunder Zahnsubstanz möglich.


Dieser Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern. Er ist nicht als Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung gedacht. Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.