• Implantologie

Das Abutment – der Stützpfeiler für implantatgetragenen Zahnersatz

Autor: Dr. Bernd Neuber, DentNet Zahnarzt und Implantologe in Aschaffenburg

Wenn Ihnen dieser englische Fachbegriff aus der Zahnmedizin noch nicht begegnet ist, dann haben Sie vermutlich keine Implantate im Kiefer. Implantate sind künstliche Zahnwurzeln, die in den Kieferknochen eingebracht werden und dort fest verwachsen. Auf ihnen kann festsitzender Zahnersatz befestigt werden, sie können aber auch Prothesen als Verankerung dienen. Der Wunsch nach natürlich aussehendem, sicherem Zahnersatz bei gleichzeitiger Erfüllung höchster ästhetischer Ansprüche ist der Grund, dass viele Patienten sich für die technisch anspruchsvolle, zeit- und kostenintensive Behandlung entscheiden. Wenn eine künstliche Zahnwurzel im Kieferknochen eingesetzt wird, um später Zahnersatz zu tragen, sind dabei diverse Arbeitschritte und Hilfsmittel erforderlich. Das Verbindungsstück zwischen der Ersatzwurzel im Knochen und dem Zahnersatz bildet das Abutment.

Was ist ein Abutment?

Ein Zahnimplantat besteht aus drei Teilen: Dem Implantatkörper, dem Abutment und der Implantatkrone, dem eigentlichen Zahnersatz. Abutment (/əˈbɐtmənt/) ist ein englisches Wort, das übersetzt "Pfeiler" oder "Stützpfeiler" bedeutet. Im Kontext der Zahmedizin ist ein Abutment das Verbindungselement zwischen dem Implantatkörper, der fest im Kieferknochen verwachsen ist, und dem Zahnersatz, der oben auf dem Implantat befestigt wird. Das kann eine einzelne Krone sein, eine Brücke oder auch eine herausnehmbare Prothese, die auf mehreren Zahnimplantaten sicheren Halt findet. Implantat-Abutments können eine abgewinkelte oder gerade Form haben und werden auf dem Implantatkörper verschraubt. Das Abutment wird aus denselben Materialien wie die Ersatzzahnwurzel angefertigt: Titan oder zahnfarbene Zirkonkeramik. Festsitzender Zahnersatz wie Brücken oder Kronen werden auf dem Abutment dauerhaft mit Zement verklebt oder ebenfalls verschraubt. Die Verbindungselemente werden außerdem als Halterungen für Stegkonstruktionen eingesetzt. Verschiedene Systeme zur Fixierung von Zahnprothesen werden ebenfalls als Abutments bezeichnet, zum Beispiel Kugelkopfanker, Druckknopfsysteme und Magnetaufbauten.

Aus welchem Material bestehen Abutments?

Für die Herstellung der Verbindungselemente wird dabei Titan oder seit einigen Jahren auch Zirkonkeramik verwendet. Aus Titan werden auch die meisten Implantatschrauben gefertigt. Es löst keine Allergien aus und verbindet sich hervorragend mit dem menschlichen Knochen. Es wächst gegenüber Zirkonkeramik schneller im Kieferknochen fest (Titan benötigt etwa sechs bis zwölf Wochen, Keramik bis zu 24 Wochen). Titan ist sehr beständig, biokompatibel und korrosionsbeständig. Die dunkelgraue Farbe von Titan-Abutments bedeutet allerdings ästhetische Abstriche, da das Metall bei sehr dünnem Zahnfleisch durchschimmern und einen dunklen Rand zeigen kann. Bei altersbedingtem Zahnfleischrückgang verstärkt sich dieser Effekt noch. Vollkeramische Abutments aus zahnfarbenem Zirkonoxid haben daher besonders im Front- und Seitenzahnbereich ästhetische Vorteile. Zirkon ist ebenfalls biokompatibel, äußerst stabil und belastbar und hat leicht lichtdurchlässige Eigenschaften, die denen von echten Zähnen sehr ähneln. Für Patienten mit Allergien, Stoffwechselerkrankungen und Unverträglichkeiten kann Zirkonkeramik die bessere Lösung für Implantate sein. Lesen Sie hier mehr über die ausgezeichneten Eigenschaften von Zirkonoxid: Zahnkronen aus Zirkon – fast wie ein echter Zahn

Individuell oder konfektioniert?

Industriell konfektionierte Standard-Abutments sind für alle Implantatsysteme erhältlich. Wie Kleidung von der Stange werden sie nicht speziell für die entsprechende Implantatposition gefertigt und müssen daher in vielen Fällen aufwändig im Zahnlabor nachbearbeitet werden. Da auch Standard-Abutments eine passgenaue und haltbare Verbindung mit dem Implantatkörper bilden sollen, müssen häufig Winkel nachgeschliffen und auf die jeweilige Versorgung angepasst werden.  

Individuelle Abutments können schon während der Behandlungsplanung gestaltet werden, oder sie werden nach bereits erfolgter Implantation angefertigt und präzise auf die Anatomie passend entworfen. Okklusion – der Zusammenbiss der Zähne – und Funktion des Zahnersatzes können mit individuellen Abutments perfekt abgestimmt werden. Da ein Abutment auch das Zahnfleisch um das Implantat herum formt, werden so auch im Weichgewebe optimale ästhetische Ergebnisse erzielt. Mit dem CAD/CAM-Verfahren werden computergestützt individuelle Zirkonoxid-Abutments gefertigt. Hybrid-Abutments, bei denen ein Titankern einen Mantel aus Zirkonkeramik erhält, vereinen die Vorteile beider Materialien. Die Keramikumhüllung kann auch auf konfektionierten Abutments fest verklebt werden und ermöglicht dadurch eine wunschgemäße Formgebung, zahnfarbene Ästhetik und eine hohe Stabilität.

Individuelle CAD/CAM-Abutments werden im sogenannten Backward-Planning erstellt. Das bedeutet, das ideale Therapieziel wird vor dem eigentlichen Eingriff virtuell ermittelt. Unter Zuhilfenahme von Zahnmodellen, 3D-Implantatdiagnostik und DVT-Röntgenaufnahmen legt der Zahnarzt Position und Anzahl der Implantate, die Länge und die Bohrtiefe genau fest. Der Implantataufbau wird also rückwärts (engl: backward) geplant und das Abutment so geformt, dass die Krone oder Brücke auf dem Verbindungsstück exakt zu den anatomischen Gegebenheiten des Patienten passt. Im Zahnlabor entsteht derweil ein provisorischer Zahnersatz, der noch angepasst werden und nach erfolgter Implantation als Provisorium dienen kann.   

Was sind einteilige Implantate?

Bei einteiligen Implantaten bilden Implantatkörper und Abutment eine untrennbare Einheit. Diese konfektionierten Implantate haben einen kleineren Durchmesser und den Vorteil, dass sie ohne einen Spalt dazwischen auskommen (geringere Gefahr für Bakterienbefall und Infektionen). Sie werden meistens aus Vollkeramik gefertigt und sind bei bestimmten Situationen im Gebiss von Vorteil. Dafür bieten sie deutlich weniger Flexibilität bei der optimalen Ausrichtung der späteren Zahnersatzversorgung, da der Implantataufbau nicht individuell beschliffen werden kann. Zweiteilige Implantate sind trotz des höheren Aufwands das am häufigsten verwendete System. Ein Auswechseln des Abutments bei Bruch oder Beschädigung ist nur bei zweiteiligen Implantaten möglich.

Was ist die Gingiva?

Gingiva ist das lateinische Wort für Zahnfleisch. Das Zahnfleisch gehört zum Zahnhalteapparat und hat eine sehr wichtige Aufgabe: Es schützt die empfindliche Zahnwurzel vor Bakterien und schädlichen Einwirkungen aus dem Mundraum. Das Zahnfleisch besteht aus zwei Anteilen: Ein Teil ist mit dem Kieferkamm fest verbunden und unbeweglich, ein kleinerer, beweglicher Teil der Gingiva umschließt im gesunden Zustand den Zahnhals dicht wie eine Manschette. Den beweglichen Teil der Gingiva kann der Zahnarzt mit einer Parodontalsonde leicht vom Zahn abheben und damit feststellen, ob das Zahnfleisch gesund ist und seine Funktion erfüllt. Ist das Zahnfleisch chronisch entzündet (Gingivitis), lockert sich allmählich die Haftung des Zahnfleischsaums, und Bakterien können durch entstehende Zwischenräume tief in den Zahnhalteapparat eindringen. Wenn daraus eine Parodontitis entsteht, drohen nicht nur Kieferknochen- und Zahnverlust, sondern auch schwerwiegende andere körperliche Erkrankungen. Lesen Sie hier mehr über die Auswirkungen von Zahnfleischerkrankungen: Zahnfleischtaschen und Parodontitis – Gründe und Behandlung.

Wann kommt ein Gingivaformer zum Einsatz?

Der Ablauf einer Implantat-Behandlung erfolgt in mehreren Schritten und erfordert mehrere Besuche beim Zahnarzt (abgesehen von Sofortimplantaten). Nach gründlicher Diagnostik und Beratung wird die Position des Implantats im Kiefer mit modernster Technik exakt geplant und berechnet. Wenn es an ausreichender Knochensubstanz mangelt, muss vor der Versorgung noch ein Knochenaufbau des Kiefers vorgenommen werden. Im ersten Schritt der Behandlung wird in den Kieferknochen eine Öffnung gebohrt und die künstliche Zahnwurzel aus Titan oder Zirkonkeramik eingeschraubt. Es kann von einigen Wochen bis zu mehreren Monaten dauern – bei vorherigem Knochenaufbau bis zu neun Monaten –, bis die EInheilungsphase abgeschlossen ist. Die Einheilung kann auf zwei verschiedene Arten erfolgen, davon abhängig ist auch der zeitliche Einsatz des Gingivaformers.

Geschlossene Einheilung

Nach dem Einsetzen des Zahnimplantats im Kieferknochen wird eine Verschlussschraube im Implantatgewinde verschraubt und das Zahnfleisch über der Wunde wieder fest vernäht. So ist die künstliche Zahnwurzel vor Bakterien und Infektionen aus dem Mundraum geschützt und kann in Ruhe heilen. Eine Interimsprothese kann in der Zwischenzeit dafür sorgen, dass Ästhetik und Kaufunktion gewährleistet sind und die Wunde geschützt wird. Die geschlossene Einheilung erfordert nach der Einheilphase die Freilegung des Implantats, um später den Zahnersatz darauf befestigen zu können. Der Zahnarzt öffnet unter örtlicher Betäubung die Schleimhaut über dem Implantat mit einem Skalpell, alternativ minimalinvasiv mit einer Schleimhautstanze oder einem Laser. Beim geschlossenen Verfahren ist dann der Zeitpunkt zum Einsatz des Gingivaformers gekommen: Die Verschlusschraube wird entfernt und der Zahnfleischformer eingedreht. Seine Größe entspricht dem späteren Implantataufbau. Zwei bis drei Wochen lang wird er aus dem Zahnfleisch ragen, es offen halten und – quasi als Platzhalter für den späteren Zahnersatz – dafür sorgen, dass sich das Zahnfleisch ringförmig ausbildet und sich später dicht an die Krone schmiegen kann. 

Offene Einheilung

Bei diesem Verfahren wird der Zahnfleischformer direkt nach dem Setzen des der künstlichen Zahnwurzel auf das Implantat geschaubt und ragt während der Heilungshase aus dem Zahnfleisch hervor. Der kleine Metallkopf ist der einzige sichtbare Teil im Mund während des Zeitraums, in dem sich der Knochen mit dem Implantat verbindet. Das Zahnimplantat muss nach Abschluss der Heilung nicht extra freigelegt werden, und der Zahnfleischrand hat sich bereits in die gewünschte Ringform gefügt. Der Abdruck für die endgültige Versorgung mit Zahnersatz kann ohne chirurgische Freilegung direkt nach der Heilungsphase genommen werden.

Provisorischer Zahnersatz während der Einheilung

Damit die Kaufunktion und Ästhetik des Gebisses während der Wochen oder Monate der Heilungsphase nicht beeinträchtigt werden, bekommen Patienten von ihrem behandelnden Zahnarzt für diese Übergangszeit ein Provisorium. Das kann – je nach Ausgangssituation – ganz unterschiedlich ausfallen.

Was sind Sofortimplantate?

Unter bestimmten Voraussetzungen kann ein gesetztes Zahnimplantat auch sofort mit einem Provisorium versehen werden. Besonders im Bereich der Frontzähne, wenn nach einem Schlag oder Unfall ein Zahn verloren gegangen ist, kann so die Ästhetik schnell wieder hergestellt werden. In diesem Fall wird direkt nach der Extraktion des Zahns, spätestens aber nach 48 Stunden, das Implantat in die frische Wunde gesetzt. Der spezielle Gewindeaufbau dieser Implantate erzeugt eine hohe Primärstabilität im Knochen. Auf die Einheilzeit kann damit verzichtet werden, und der Patient kann häufig nach nur einem Besuch mit einem vollständigen Gebiss die Praxis verlassen. Durch die sofortige Wiederbelastung des Kieferknochens durch die künstliche Zahnwurzel kann der Knochen sich auch nicht zurückbilden. Bedingungen dafür sind eine ausreichend große Menge an Knochensubstanz im Kiefer und ein entzündungsfreier Mundraum. 

Was passiert nach dem chirurgischen Eingriff?

Nach jedem chirurgischen Eingriff muss der Patient einige Verhaltensregeln beachten. In den ersten Tagen nach einer Zahnimplantat-Behandlung sollten Sport und körperliche Anstrengungen vermieden werden, ebenso wie Alkohol, Tabak und Kaffee. Der Kopf sollte auch nachts möglichst hoch gelagert werden. Kühlung von außen beugt Schmerzen und Schwellungen vor. Das frische Implantat muss ungestört einheilen können und vor Belastung geschützt werden. Ein Provisorium hilft, das Implantat zu schützen.

Fazit:

Bei Zahnverlust bietet die Implantologie hervorragende Möglichkeiten, festsitzenden Zahnersatz oder herausnehmbare Prothesen sicher zu verankern. Durch das Einsetzen einer künstlichen Wurzel als Fundament müssen keine anderen Zähne beschliffen werden, und dem gefürchteten Kieferknochenschwund wird damit vorgebeugt. Der Eingriff ist technisch sehr anspruchsvoll und erfordert höchste Präzision und Fachkenntnis. Implantat-Abutments sind dabei kleine Verbindungsstücke mit einer wichtigen Aufgabe: Sie verbinden die prothetische Versorgung fest mit dem im Knochen verpflanzten Implantat. Die verschiedenen Ausführungen und Formen haben großen Einfluss auf das spätere Ergebnis und die Haltbarkeit der Suprakonstruktion. 


Dieser Artikel soll das Verständnis und Wissen über allgemeine Mundgesundheitsthemen fördern. Er ist nicht als Ersatz für professionelle Beratung, Diagnose oder Behandlung gedacht. Lassen Sie sich bei Fragen zu einer Erkrankung oder Behandlung immer von Ihrem Zahnarzt oder einem anderen qualifizierten Gesundheitsdienstleister beraten.