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Essstörungen und ihre Spuren an den Zähnen

Wiederholtes Erbrechen bringt Magensäure in Kontakt mit den Zähnen. Der Zahnschmelz löst sich dadurch auf — bevorzugt an den Innenflächen der oberen Frontzähne, wo die Säure entlangfließt. Dieses Muster ist so charakteristisch, dass eine Zahnarztpraxis es oft als Erste bemerkt, manchmal bevor jemand anderes von der Erkrankung weiß. Anders als Karies ist dieser Substanzverlust nicht umkehrbar.

Inhalt

    Wenn Sie das hier für sich selbst lesen: Dieser Text bewertet nichts. Er beschreibt, was passiert, und was sich schützen lässt.

    Wie der Schaden entsteht

    Magensäure hat einen sehr niedrigen pH-Wert. Zahnschmelz beginnt sich bereits bei deutlich milderen Säuren aufzulösen — er ist der härteste Stoff im Körper, aber gegen Säure nicht widerstandsfähig.

    Beim Erbrechen fließt die Säure über die Innenflächen der oberen Frontzähne. Genau dort entsteht deshalb das typische Muster: Der Schmelz wird dünner, die Zähne wirken durchscheinend, an den Kanten glasig. Fachlich heißt dieses Erosionsmuster Perimolyse.

    Mit fortschreitendem Verlust kommt das darunterliegende Dentin zum Vorschein. Es ist gelblicher, weicher und deutlich empfindlicher — die Zähne wirken dunkler und reagieren auf Kaltes, Heißes und Süßes. Mehr dazu unter Zahnschmelz und Erosion und sensible Zähne.

    Wichtig: Verlorener Zahnschmelz wächst nicht nach. Er kann remineralisiert werden, solange er noch da ist — aufgelöste Substanz kommt nicht zurück. Deshalb zählt jeder Monat früher.

    Was noch dazukommt

    Neben der direkten Säurewirkung wirken weitere Faktoren.

    Weniger Speichel. Bei Mangelernährung, Flüssigkeitsmangel und unter bestimmten Medikamenten produzieren die Speicheldrüsen weniger. Speichel neutralisiert Säuren und remineralisiert den Schmelz — fehlt er, wirkt die Säure ungebremst. Siehe Speichel und Mundtrockenheit.

    Geschwollene Speicheldrüsen. Vor allem die Ohrspeicheldrüsen können anschwellen, was das Gesicht im Wangenbereich verändert.

    Empfindliches Zahnfleisch. Nährstoffmangel kann sich am Zahnfleisch zeigen — es blutet leichter und heilt langsamer.

    Risse in den Mundwinkeln und eine trockene, gerötete Mundschleimhaut.

    Der Punkt, der am wichtigsten ist

    Hier steht die eine Information, die praktisch am meisten bewirkt:
    Nach dem Erbrechen nicht sofort die Zähne putzen.

    Das ist kontraintuitiv, aber entscheidend. Der Schmelz ist unmittelbar danach durch die Säure aufgeweicht. Wer in diesem Zustand putzt, trägt ihn mechanisch ab — die Bürste wirkt dann wie Schmirgelpapier.

    Besser ist diese Reihenfolge:

    1. Lassen Sie sich in der Praxis zeigen, wie Sie unmittelbar nach dem Erbrechen vorgehen können, ohne den Zahnschmelz zusätzlich zu schädigen — zum Beispiel: Mund mit Wasser ausspülen, um die Säure zu verdünnen
    2. Mit einer fluoridhaltigen Spülung nachspülen, wenn vorhanden
    3. Mindestens 30 Minuten warten
    4. Dann erst putzen, mit weicher Bürste und fluoridhaltiger Zahnpasta

    Ein zuckerfreies Kaugummi in der Wartezeit regt den Speichelfluss an und beschleunigt die Neutralisierung.

    Was in der Zahnarztpraxis möglich ist

    Schutz des vorhandenen Schmelzes. Intensive Fluoridierung, oft mit hochdosierten Präparaten, teils über Schienen für zu Hause. Das härtet die verbliebene Substanz. Grundlagen unter Fluorid.

    Versorgung empfindlicher Bereiche. Freiliegende Zahnhälse lassen sich versiegeln, was die Empfindlichkeit deutlich senkt — siehe Zahnhalsversiegelung.

    Aufbau verlorener Substanz. Je nach Ausmaß mit Kunststofffüllungen, Teilkronen oder Kronen. Das ist der aufwendige Teil und macht am meisten Sinn, wenn der Säurekontakt nicht mehr fortbesteht.

    Engmaschige Kontrolle. Um zu sehen, ob der Verlust fortschreitet oder zum Stillstand gekommen ist.

    Zur Reihenfolge: Umfangreiche ästhetische Rekonstruktionen werden meist erst dann geplant, wenn die Grunderkrankung stabil ist. Sonst löst die Säure die neue Versorgung an denselben Stellen wieder an. Der Schutz des Vorhandenen ist dagegen jederzeit sinnvoll — und sollte nicht aufgeschoben werden.

    Wenn die Praxis etwas anspricht

    Es kommt vor, dass eine Zahnarztpraxis die Zeichen erkennt und das Thema anspricht. Das kann sich übergriffig anfühlen.

    Aus fachlicher Sicht ist es das Gegenteil: Das Erosionsmuster ist so eindeutig, dass es nicht zu übersehen ist — und darüber zu schweigen hieße, wissentlich einen fortschreitenden Schaden zuzulassen.

    Sie müssen darauf nichts erwidern, was Sie nicht möchten. Sie können auch nur den Schutz annehmen — Fluoridierung, Versiegelung, Kontrolle — ohne über die Ursache zu sprechen. Das ist ausdrücklich in Ordnung und besser als gar nicht hinzugehen.

    Zahnärztliches Personal unterliegt der Schweigepflicht. Was in der Praxis besprochen wird, bleibt dort.

    Für Angehörige

    Die Zähne sind manchmal das erste sichtbare Zeichen. Wenn Ihnen an jemandem auffällt, dass die oberen Schneidezähne durchscheinend oder an den Kanten glasig wirken, die Zähne empfindlich geworden sind oder die Wangen im Bereich der Ohrspeicheldrüsen geschwollen erscheinen — das können Hinweise sein.

    Was hilft, ist selten ein direkter Vorwurf. Hilfreicher ist der Hinweis, dass ein Zahnarztbesuch ohne jede Diskussion über die Ursache möglich ist und dass sich der Schaden begrenzen lässt.

    Beratung und Unterstützung bei Essstörungen bieten spezialisierte Beratungsstellen und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA-Infotelefon Essstörungen: 0221 892031, Mo–Do 10–22 Uhr, Fr–So 10–18 Uhr).

    Wichtiger Hinweis: Bei Herzrasen, Ohnmacht, Blut im Erbrochenen oder bei Suizidgedanken ist sofortige ärztliche bzw. notärztliche Hilfe erforderlich — zögern Sie in diesem Fall nicht und wählen Sie den Notruf 112.

    Wie es weitergeht

    Der wirksamste Schritt ist ein Kontrolltermin — auch wenn sich sonst gerade nichts ändert. Der Schutz des vorhandenen Zahnschmelzes ist unabhängig von allem anderen sinnvoll und wirkt sofort.

    Über die Zahnarztsuche finden Sie eine Praxis in Ihrer Nähe; Krankenkasse und gewünschte Behandlung wählen Sie direkt bei der Online-Terminbuchung aus — ohne Telefonat, falls Ihnen das leichter fällt.

    Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei einer Essstörung ist fachliche Unterstützung der entscheidende Schritt; die zahnärztliche Behandlung begrenzt die Folgen.

    Häufige Fragen

    Wie schädigt Erbrechen die Zähne?

    Magensäure löst den Zahnschmelz auf. Betroffen sind vor allem die Innenflächen der oberen Frontzähne, wo die Säure entlangfließt — das ergibt ein charakteristisches Erosionsmuster.

    Wächst Zahnschmelz wieder nach?

    Nein. Vorhandener Schmelz kann remineralisiert und gehärtet werden, aufgelöste Substanz kommt aber nicht zurück. Deshalb zählt jeder Monat früher.

    Soll ich nach dem Erbrechen die Zähne putzen?

    Nicht sofort. Der Schmelz ist dann aufgeweicht und würde mechanisch abgetragen. Erst mit Wasser spülen, mindestens 30 Minuten warten, dann putzen.

    Woran erkennt man Zahnerosion?

    An durchscheinenden, an den Kanten glasig wirkenden Frontzähnen, an dunkler wirkenden Zähnen durch freiliegendes Dentin und an zunehmender Empfindlichkeit gegenüber Kaltem und Süßem.

    Merkt der Zahnarzt, dass ich erbreche?

    Das Erosionsmuster ist sehr charakteristisch und für Fachleute erkennbar. Zahnärztliches Personal unterliegt der Schweigepflicht — Besprochenes bleibt in der Praxis.

    Kann ich behandelt werden, ohne über die Ursache zu sprechen?

    Ja. Sie können den Schutz annehmen — Fluoridierung, Versiegelung, Kontrolle — ohne die Ursache zu thematisieren. Das ist besser, als gar nicht hinzugehen.

    Was hilft gegen die Empfindlichkeit?

    Fluoridhaltige Präparate, spezielle Zahnpasten und das Versiegeln freiliegender Zahnhälse. Die Praxis kann das gezielt anwenden.

    Wann ist der richtige Zeitpunkt für Kronen oder Füllungen?

    Umfangreiche Rekonstruktionen werden meist geplant, wenn der Säurekontakt nicht mehr fortbesteht. Der Schutz des vorhandenen Schmelzes ist dagegen jederzeit sinnvoll.

    Warum sind meine Wangen geschwollen?

    Bei wiederholtem Erbrechen können die Ohrspeicheldrüsen anschwellen. Das verändert die Gesichtsform im Wangenbereich und bildet sich meist zurück, wenn die Belastung endet.

    Was können Angehörige tun?

    Auf die Möglichkeit hinweisen, dass eine zahnärztliche Behandlung ohne Diskussion über die Ursache möglich ist. Vorwürfe helfen selten, Informationen über Beratungsangebote schon eher.

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    Fachlich geprüft durch: Zahntechnikermeister Uwe Landsberger

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